Lizenziat E-Mail Bock war Mitbegründer der Christengemeinschaft und seit dem Jahre 1938 Oberlenker der Christengemeinschaft. Er lebte in Stuttgart wo er im Jahre 1959 verstarb.

WAS WILL DIE CHRISTENGEMEINSCHAFT?

Das Christentum ist keine neue Lehre. Es ist auch kein neues Moralsystem. Es ist eine neue Kraft, die aus einer höheren Welt in unsere Welt hereinströmen möchte, dafür aber offene, fromme Menschenherzen braucht. Die erste Voraussetzung dafür, dass es ein echtes Christsein in der Menschheit gibt, ist Frömmigkeit.

Wie steht es mit der Frömmigkeit heute? Wir leben in einem Zeitalter, in welchem die Frömmigkeit stirbt. Das ist nicht nur in den Kreisen der Fall, die den Kirchen entfremdet sind, dieses Ersterben der christlichen Frömmigkeit geht heute weit in das Kirchenvolk hinein. Kirchlichkeit ist noch längst nicht christliche Frömmigkeit. Die Zustände, in die der moderne Menschen hineingekommen ist, der Zustand der Zerstreuung, andererseits die vielen Verkrampfungen in der Seele, die nervöse Unruhe, die Oberflächlichkeit, alles Resultate der modernen Zivilisation, auf die wir doch so stolz sein dürfen, sie bringen die Frömmigkeit in der Seele zum Verdorren. Eine nervöse Seele kann eigentlich nicht fromm sein. Eine oberflächliche Seele erst recht nicht. Der Mensch ist an die Peripherie des Lebens gedrängt. Er ist aus dem Mittelpunkt seines Wesens herausgefallen. Er hat seine eigene Tiefe vergessen und verloren. So ist eine weltgeschichtliche Ebbe in der Geschichte der Frömmigkeit eingetreten. Es ist notwendig, dass dies einmal schonungslos eingesehen wird.

Wie die alte Frömmigkeit verloren ging

Denken wir an die hohen Zeiten in der christlichen Geschichte. Was gab es für Wunder der Frömmigkeit in den frühchristlichen Jahrhunderten, in den ersten Zeiten des christlichen Mönchstums, in den Zeiten der Kreuzzüge, schließlich auch noch, um wenigstens ein Beispiel aus späteren Jahrhunderten zu nennen, in den Anfängen des schwäbischen Pietismus. Wie waren da die Seelen warm vor Frömmigkeit! Wie glühten sie, wie brannten sie im Feuer der Frömmigkeit! Wie kalt ist alles geworden! Aber gerade an diesen Hochzeiten christlicher Frömmigkeit können wir sehen, dass es nicht bloß die Schuld dieser oder jener Menschen ist, daß die Frömmigkeit ihre Ebbe erfuhr. Jene besonderen Zeiten des christlichen Frommseins zehrten und lebten von der Kindlichkeit, die die Menschheit von Natur noch hatte. Da waren die Seelen noch lockerer und offener. Indem die Kindlichkeit in der Menschheit verloren ging — und sie musste ja verloren gehen —, ging die Frömmigkeit mit verloren. Die Menschheit musste eine Entwicklung durchmachen, durch die schließlich der heutige Zustand entstanden ist, dass die Menschen mehr Kopf- als Herz-Menschen sind. Das war notwendig, weil die Menschheit in eine Bewusstseins-Entwicklung hinein musste, durch welche die Seele immer wacher und wacher wurde. Und der Schatten der Bewusstheit ist die Unrast und Leere der Seelen. In Bezug auf die Innerlichkeit, die Frömmigkeit, ist die Menschheit an einen Tiefpunkt, ja an einen Nullpunkt gekommen und hat sich damit, ohne es recht zu merken, an den Rand des Abgrundes vorgewagt. Für all das, was den Menschen voll entfaltet in seiner Götterebenbildlichkeit, für die Art, wie er eigentlich von der Gottheit gedacht ist, fehlt der Mutterboden in der Seele. Kein Wunder, dass heute so erschreckende Symptome auf dem moralischen Feld zu beobachten sind, dass da ein junger Mensch seine Schwester niederschießt und als Begründung angibt, wie es in der Zeitung zu lesen war: Ich habe es getan, weil nie etwas Aufregendes in unserer Gegend passiert.“ Oder die Bestechlichkeit hoher Staatsbeamter. Sind das nicht alarmierende Zeichen dafür, dass der Frömmigkeits-Mutterboden, auf dem allein Moral gedeihen kann, verdorrt ist?

Nun kommen die Gefahren von außen. Noch ist es nicht lange her, dass die Mission, die die christliche Botschaft nach Asien und Afrika trug, ganz im Vordergrund der zivilisatorischen und kulturellen Bemühungen stand. Heute ist es umgekehrt: indische, mohammedanische, ja in politischer Form russischchinesische Strömungen wollen hier Mission treiben. Man sieht immer in diesen Strömungen, die sich dagegen Europa verbünden, politische Strömungen, in Wirklichkeit handelt es sich um geistige, und zwar um solche, die besser wissen, was sie wollen, als die Träger des Geisteslebens momentan in Europa es wissen. Und es ist eine Kurzsichtigkeit, wenn man meint, es genüge, diese herandrängenden gegnerischen Strömungen bloß politisch abzuwehren.

Wo stoßen sie denn auf das Christentum? Ich meine nicht auf Mitglieder irgendeiner christlichen Kirche, sondern wo stoßen sie auf die Gegenkraft, auf die Substanz christlicher Frömmigkeit, die auch dann gilt, wenn gar nicht gesprochen oder gehandelt wird? Wo finden diese Strömungen ihre Grenzen? Das Christentum setzt ihnen leider heute die Grenzen nicht. Dem Tatbestand nach ist das ehrlich. Man glaubt an die Atombombe, aber man ist weit davon entfernt, einen christlichen Glauben zu haben. Da wo wirklich christlicher Glaube ist, hat die gegnerische Strömung bereits den Kampf verloren. Wer glaubt aber heute noch? Es wäre auch vermessen bei dem Schwund der Substanz auf dem Frömmigkeitsfelde, heute schon wieder zu glauben.

Erster Blick auf das Neue

So muss gesagt werden: zunächst ist das Erste und Wichtigste, was sich die Christengemeinschaft zum Ziel setzt, Frömmigkeit einzupflanzen. Pflanzstätten des Stilleseins, der inneren Ruhekraft, der Innerlichkeit sollen entstehen, Pflanzstätten, wo die Kunst des Betens neu erlernt und in die Welt eingebaut wird. Deswegen ist die Christengemeinschaft als kultustragende Bewegung in die Welt getreten. Kultus und Sakrament sind das Herz des in der Christengemeinschaft gepflegten religiösen Lebens. Sie ist eine Schule der Andacht, eine solche der Sammlung, der wahren Einkehr, bei der das Herz spricht. Der Kopf braucht dabei nicht zu schweigen. — Wir sind uns bewusst, dass das zunächst nur im Kleinen und im Stillen geschehen kann: Geduldiges Pflanzen auf dem steinigen Grunde unserer Zeit, mitten im modernen Leben und Denken. Nicht dass ein frommes Gesicht die Sache schon machen kann. Nein, gemeint ist die Frömmigkeit einer solchen Ruhe- und Haltekraft der Seele, die auch jederzeit mit Freude, Humor und Wagemut verbunden ist. Ein neues Herz-Menschentum braucht die moderne Welt, um wieder Seele zu bekommen. Wie kam es eigentlich zu der geschilderten Ebbe der Frömmigkeit? Sie war in gewisser Weise eine weltgeschichtliche Notwendigkeit. Die Menschheit musste eine Bewusstseinsentwicklung durchmachen, die in ein immer größeres, helleres Wachen und Erwachen hineinführte. Der Kopfmensch erwachte und entwickelte sich auf Kosten des Herzmenschen. Im Grunde liegt die Veranlassung für diese Frömmigkeitsebbe in dem Wandel der Weltanschauung.

Da liegen drei große Stadien hinter uns. In den Zeiten des Urchristentums gab es noch einen wunderbaren Einklang zwischen Religion und Weltanschauung. Da lebte noch die Weisheit, wie sie sich in den mythischen Strömungen der alten Welt geäußert hat. Da gab es noch das spirituelle Weltbild der griechischen Weisheitsschulen, in denen zuerst auch die christlichen Lehrer als Schüler geweilt haben. Und diese alte Weltanschauung konnte man mit Recht »Weltanschauung“ nennen. Was man heute Weltanschauung nennt, hat mehr den Stil: »das ist meine persönliche Anschauung“. Die Weltanschauung hat aber einmal ein Königtum in sich getragen, weil man früher schauend die Welt übersah, die Welt schauend zu verstehen trachtete. Und man verstand sie schauend, weil man in der irdischen Welt noch eine höhere Welt, eine Welt höherer Wesenheiten mit wahrnahm. Diese alte Weltanschauung kam dem Frühchristentum zugute. Es war ja das Weltbild der Bibel, das Weltbild, in welchem es Engel und Erzengel gibt, wo es nicht einen leeren, kalten Weltraum gibt, in den man Raketen hineinschießt. Den Leib des Menschen wusste man mit Seele und Geist durchdrungen. Die übersinnliche Welt war aufgetan. Die biblischen Inhalte allesamt setzen diese spirituelle Weltanschauung voraus. Sie war die Hilfestellung für diese ersten hohen Zeiten der Gläubigkeit, der Frömmigkeit, der Glaubensvollmacht.

Von den Gründen des Niederganges

Dann kam nach Ablauf der urchristlichen Jahrhunderte, als das Christentum zur Staatsreligion erklärt worden war, ein neues Stadium. Der Verstand erwachte. Das musste sein, aber es brachte das alte Weltbild ins Verdämmern. An den übersinnlichen Dingen fing man zu zweifeln an. Als man im 4. Jahrhundert auf dem Konzil zu Konstantinopel, das der Kaiser Konstantin der Große einberufen hatte, anfing zu diskutieren, wer Christus ist und ob er mehr Gott oder mehr Mensch ist, zeigte sich, dass man das, was man vorher anschauend gewusst hatte, nicht mehr wusste. Jetzt erlosch ein Licht. Der Mensch war immer mehr auf seinen Verstand angewiesen. Das Licht des Schauens leuchtete ihm nicht mehr. Wenn Theologen anfangen zu diskutieren, hat es keinen Sinn zu fragen, wer recht hat, denn dann kann man wissen, dass sie allesamt unrecht haben, sonst brauchten sie nicht zu diskutieren. Die religiöse Diskussion, die natürlich heute nicht vermieden werden kann, ist immer ein Zeichen des Nicht-mehr-Wissens. — Später kamen sogar die Zeiten, als das Mittelalter allmählich zu Ende ging, wo man gedankliche Gottesbeweise suchte. Warum? Weil man von Gott nicht mehr unmittelbar wusste. Man wollte mit Gedankenkonstruktionen die Existenz Gottes beweisen, was selbstverständlich nicht zum Ziele führen konnte. In dieser zweiten Epoche musste sich die kirchliche Strömung dadurch helfen, dass sie die christliche Wahrheit zum Dogma erklärte. Einst war sie aus dem lebendigen Offenbarungswissen hervorgegangen, jetzt musste sie zum Dogma erklärt und damit zur religiösen Regel gemacht werden. Daneben gab man das Feld der wissenschaftlichen Forschung dem menschlichen Denken frei. Der Zwiespalt zwischen Glauben und Wissen entstand. Die großen Theologen auf der Höhe des Mittelalters wie Thomas von Aquino haben sich durch solche Begriffe geholfen, dass es Wahrheiten gibt, die aus der Offenbarung stammen und deshalb als Offenbarungserkenntnis angesprochen werden müssen, und daneben Vernunftwahrheiten, die der Mensch mit seinem eigenen Gedanken erreicht. Es ist dies eine Art doppelte Buchführung, die zeitgeschichtlich unvermeidbar war.

Dann kam aber, als das Mittelalter zu Ende ging, mit dem großen Freiheitssturm, der durch Mitteleuropa hindurchging in den Tagen der Reformation, ein drittes Stadium herauf. Der Glaube verliert seine Kraft, man will frei erkennen. Jetzt gibt es überall die Meinungsverschiedenheiten. Die Theologen diskutieren in einem Maße, wie das vorher nicht der Fall gewesen ist. Hat man doch kurze Zeit nach Luthers Tod erleben müssen, wie in Wittenberg Melanchthon als Ketzer erklärt wurde, und er selbst saß weinend unter der Kanzel, von der herab das Gericht sich über ihn entlud. Es war ein Zeitalter, in dem es immer mehr zur Alleinherrschaft des Verstandes kommen musste, weil es die Zeit war, in welcher die Naturwissenschaft geboren wurde. Wahr ist nur noch, was wissenschaftlich beweisbar ist. Die Absolutheit des wissenschaftlichen Denkens wurde errichtet, wobei selbstverständlich das menschliche Forschen auf die Welt der Sinneswahrnehmung eingeschränkt wurde. Die Welt des Übersinnlichen kam nicht mehr deutlich in Betracht. Ob es nach dem Tode ein Leben gibt, ob es Engel und Erzengel, Cherubim und Seraphim gibt, das wusste man nicht mehr und meinte schließlich auch, man könne das nicht wissen. Die katholische Kirche hielt, obwohl ein neues Stadium angebrochen war, an den Gesetzmäßigkeiten des zweiten Stadiums fest, das auf der Unterscheidung von Dogma und Wissenschaft beruhte. Immerhin behielt die katholische Kirche den Kultus und hatte damit das, was sie zusammenhielt. Der Protestantismus dagegen verlor den Kultus und geriet so unter die Gesetze des dritten Stadiums, in welchem sich alles fortwährend aufzulösen droht, wo man immer auf dem Sprunge ist, statt Religion Theologie zu treiben, und eine Morallehre an der Stelle übrigbleibt, wo früher die Frömmigkeit der Mutterboden des Moralischen war. Dann gab es immer wieder Zeiten, in denen das alte Geistwissen durchbrechen wollte. Ich nenne Jakob Böhme, die schwäbischen Kirchenväter Bengel und Oetinger, die Pietisten, auch den schwäbischen Pietisten Michael Hahn und den Rheinländer Gerhard Tersteegen. Da wollte noch einmal etwas aus den tieferen Erkenntnisschichten an die Oberfläche, aber die kirchlichen Strömungen wandten sich dagegen. Bis dann schließlich um die Jahrhundertwende herum die liberale Theologie, die Bibelkritik den Ton angab, wodurch der Verstand das Recht bekam, auf dem ganzen Felde des religiösen Lebens sein Tun und Treiben ungehindert auszuüben.

Die Glaubenswahrheiten des Christentums können heute dem Denken erschlossen werden. Damit sind wir in der Gegenwart angelangt. Ein Wiederaufstieg der Frömmigkeit gerade auf dem Boden des Christentums ist nur möglich, wenn es wiederum einen Einklang zwischen Religion und Weltanschauung gibt. Das bedeutet aber, dass in der Menschheit der Schritt getan werden muss zu einer neuen spirituellen Weltanschauung, d. h. zu einer solchen Weltanschauung, die nicht nur das Reich der Naturwissenschaften kennt, sondern die auch die übersinnlichen Daseinsbereiche mit umspannt. Muss denn das alte Weltbild, das in urchristlichen Zeiten noch lebendig war, falsch sein, weil die Naturwissenschaft recht hat? Einmal gab es Seher und Propheten. Dann gab es Forscher und Gelehrte, die nicht mehr Seher und Propheten waren. Ist denn da der Schluss berechtigt, dass es nie Seher und Propheten gegeben hat, und dass diejenigen, die man als solche angesehen hat, abergläubischen Täuschungen unterlegen seien? Diesen Fehler hat man gemacht. Die Naturwissenschaft hat einfach, vom Tisch heruntergewischt“, ohne es vielleicht deutlich zu wollen, was früher für die Menschen Weltbild und Wirklichkeit gewesen ist. Es sei nicht eine Silbe gesagt, um der naturwissenschaftlichen Forschung ihr Recht zu schmälern. Wir können nur dankbar sein für die Leistungen der modernen Naturwissenschaft. Wir brauchen sie, wenn auch zunächst einmal die Entwicklung in kritische Zweischneidigkeiten eingemündet ist. Aber was zeigt uns denn die moderne Naturwissenschaft? Sie zeigt uns den äußeren Bestand, sozusagen den Leib der Welt. Dem alten, noch mehr aus dem Schauen stammenden, etwas naiveren Weltbild war die Außenseite des Daseins gar nicht so wichtig. Ihm war gerade wichtig der Blick auf das, was unsichtbar als seelisch-geistige Wesenheit den äußeren Weltenleib durchpulst hat. Was jetzt kommen muss, ist, dass der Blick der Menschheit ruhig weiter auf die äußeren Tatbestände, die die Naturwissenschaft untersucht, gerichtet bleibt, dass aber nun der Blick sich auch wieder richtet auf die Welt, die sich nicht auf den Experimentiertisch zerren lässt und die mit anderen Organen des Menschenwesens wahrgenommen werden muss. Wir müssen wieder zu den inneren Tatbeständen der Welt vordringen, und wenn man auch das übersinnliche wieder zu erkennen anfängt, wird sich zeigen, dass plötzlich Rätsel sich lösen, die auf dem Felde der modernen Naturwissenschaft und Physik eben doch nicht gelöst werden können. Man wird die modernen Probleme der Naturwissenschaft und Technik nicht vom Sinnlichen, sondern eigentlich erst vom Übersinnlichen her lösen können. Das wird sich in kürzester Zeit zeigen. Manche Forscher sind schon dabei, die Wege zu dieser Einsicht zu finden. Der Geist in der Natur wird einmal ein wichtiger Schlüssel für die Naturerkenntnis sein, wie das früher schon einmal war.

Es ist in unserer Zeit ein Pionierdienst getan, ein Durchbruch ist erzielt worden. Es gab wieder Seeherrschaft, aber nun nicht im Sinne eines visionären Sehertums, sondern in ganz klarer, denkerischer, an der Naturwissenschaft geschulter Form. Hier hat Rudolf Steiner die Bresche in die materialistische Weltanschauung gelegt und den Ausblick auf die übersinnlichen Weltbereiche wieder freigemacht. Nicht als Visionär, sondern so, wie er es auch selber sagte, als Geistesforscher. Und die Geisteswissenschaft entstand nicht neben der Naturwissenschaft, sondern sie entstand so, dass sie überhaupt erst den Schlüssel liefert auch für die Rätsel der Naturwissenschaft.

Nun ist also in der Anthroposophie ein neues spirituelles Weltbild enthüllt. Aber das Verhältnis der Christengemeinschaft zur Anthroposophie ist nicht ein solches, als ob einfach diese neue Weltsicht übernommen werden müsse. Wir sind in der Christengemeinschaft vor der Weltgeschichte dankbar für die Lebensleistung Rudolf Steiners, aber wir haben zur Anthroposophie kein dogmatisches Verhältnis. Wir stehen dazu ganz frei, wie es Rudolf Steiner von seinen Schülern auch erwartete. Da nun einmal das Tor aufgetan, der Weg gebahnt ist, dürfen wir wieder den Mut haben, mit dem Übersinnlichen zu rechnen. Dann entsteht ein Erkenntnis-Christentum, und daran kann jeder aktiv beteiligt sein, damit er soweit vordringt in einem ehrfurchtsvollen Erkennen der Welt, die wir nicht mit unseren Sinnen wahrnehmen, wie er eben vermag. Ein moderner Christ ist nicht der, der an irgendwelche Behauptungen über die übersinnliche Welt oder irgendeiner neueren Lehre glaubt, sondern der, der versucht zu erkennen und einzusehen, was seine eigene Erkenntniskraft hergibt.

Da gibt es nun einen im Grunde ganz einfachen Weg. Das religiöse Leben selbst kann uns belehren über die Welt des übersinnlichen, denn alles religiöse Leben ist ja sinnlos ohne eine Anschauung des Übersinnlichen. Eine das Übersinnliche einbeziehende Weltanschauung ist die Voraussetzung eines echten religiösen Lebens. Kann man denn auf der Basis der materialistischen Naturwissenschaft ein religiöses Leben aufbauen? Man kann es nicht. Das heutige Weltbild beantwortet die eigentlichen Fragen nicht. Und so ist der moderne Mensch zwangsläufig in eine Seelenspaltung hineingeraten. Auf der einen Seite lebt er mit der modernen Naturwissenschaft, auf der anderen Seite sucht er vielleicht doch noch religiöse Wege. Dass sich das beides ausschließt, davor verschließt man gerne die Augen. Die eigentlichen Fragen sind doch mit Worten wie Gott, Christus, Unsterblichkeit angedeutet, eigentlich auch schon durch das Wort  „Mensch“. Die Welt, zu der ich mich im Gebet wende, mit der ich religiös ein Verhältnis herzustellen suche in Frömmigkeit, die muss es doch geben. Wenn Religion Umgang mit Gott ist, dann muss es den doch geben, mit dem man einen religiösen Umgang pflegen möchte. Und es gibt die göttliche Welt, auch wenn noch so viel darüber gesprochen wird, dass man so etwas nicht erkennen könne.

Die religiöse Sehnsucht, die im Menschen irgendwo noch da ist, stellt die Fragen. Und die Antwort kommt nicht von irgendjemand, sondern sie kommt aus der religiösen Erfahrung selbst. Man mache sich da nicht abhängig davon, ob es Leute gibt, die allein klug genug sind, solche Fragen zu beantworten. Die religiöse Praxis gibt die Antwort auf die Fragen, die die religiöse Sehnsucht stellt. Man kann dahin gelangen, wo man in das Antlitz dessen ahnend hineinschaut, zu dem man sich im Gebet wendet. Das Verhängnisvolle unserer Zeit ist nur, dass die Menschen das Fragen aufgegeben haben. Sie haben so viel in ihren Köpfen, dass sie gar nicht mehr dazu kommen, die entscheidenden Fragen zu stellen. Ja, wer nicht fragt, erhält auf diesem Felde keine Antwort. Der Tod der Frage ist der Tod der Kultur. Diejenigen Menschen, die nur Sehnsucht nach den äußeren Dingen haben, die sich dieser nie zu sättigenden Weltlust, dem Weltdurst hingeben, werden sich selbst verlieren. Sie sind keine Suchenden, sie sind Schweifende, und das ist eine Krankheit, an der sogar die Besten der gegenwärtigen Kultur zugrunde zu gehen drohen. Die Sehnsucht nach einer anderen Sicht, die Sehnsucht nach dem Tieferen, sie beschränkt sich immer mehr auf einen zusammenschrumpfenden Kreis von tieferen Naturen. Aber es muss wieder mehr religiös gefragt werden. Es muss mehr mit sehnsüchtiger Seele gefragt werden, dann findet der Mensch sich selbst.

Die Christengemeinschaft wendet sich nicht an diejenigen, die religiös versorgt sind. Wir möchten niemanden stören, der in einem bestimmten religiösen Zusammenhang steht und da seine Wege geht. Wir möchten mit der konsequentesten Toleranz jedes religiöse Bekenntnis und jedes religiöse Suchen, das auf festgelegten Wegen geht, bejahen. Aber die Christengemeinschaft möchte da sein für die heimatlosen, suchenden Seelen, die zunächst keinen Weg gefunden haben. Von Gott, Christus und Unsterblichkeit muss ich schließlich eine größere Gewissheit haben als von den Dingen der Welt. Um es einmal grotesk zu sagen: Dass es Engel gibt, ist sicherer, als dass es die Atome gibt. Manche werden sagen: dass es die Atome gibt, ist doch selbstverständlich. Und doch ebenso wenig wie der Mensch heute die Engel sehen kann, hat jemals ein Mensch ein Atom gesehen. Das Wort »Atom“ ist die Bezeichnung für Erscheinungen, die man kennt, die man aber nicht versteht oder gar sieht, sondern die man nur so benennt. Damit ist nichts gegen die Atomforschung gesagt, aber eine Gewissheit, die man da zu haben glaubt, weil man mit so großer Sicherheit darüber spricht, ist nicht vorhanden. Mathematisch-physikalisch ist manches weit gediehen, weltanschaulich steht die ganze Atomtheorie auf den schwächsten Füßen.

Wir gehen also in der Christengemeinschaft nicht, obwohl es die Anthroposophie gibt, auf eine Lehre aus, fordern nicht die Anerkennung irgendwelcher Glaubenssätze. Wir gehen auf Frömmigkeit aus. Aber wir streben als moderne Menschen nach Bewusstheit und stellen die Fragen, die im religiösen Erleben und Erfahren selbst enthalten sind. Wir wachsen hinein in diejenige Weltanschauung, die von einem echten christlich-religiösen Leben vorausgesetzt wird. Da handelt es sich nicht um eine bloß geglaubte, sondern um eine geahnte und immer deutlicher erkannte Wahrheit. Man kann viel mehr von den Welten über uns erkennen, als man zunächst meint. Man muss nur wirklich ein religiöses Leben pflegen, dann gewinnt man Erfahrungen auf diesem Felde. Der Mut dazu ist heute erforderlich.

Da tut sich in der Christengemeinschaft ein reiches, freies Erkenntnisfeld auf. Was an beglückenden Ausblicken entsteht zu einem neuen Bibelverständnis, zu einem neuen Christusverständnis, das kann ich nur mehr bekenntnisartig sagen, aber die Christengemeinschaft hat nun schon über drei Jahrzehnte in dieser Beglückung gelebt. Die Christengemeinschaft ist die erste Kirche, die grundsätzlich das Prinzip der Lehrfreiheit und der Bekenntnisfreiheit praktiziert. Da ist niemand, der in der Christengemeinschaft priesterlich mitarbeitet, auf ein Bekenntnis verpflichtet. Da wird auch kein Mitglied einer Gemeinde auf ein Bekenntnis verpflichtet. Da werden auch die Konfirmanden nicht auf ein Bekenntnis verpflichtet. Aber es werden ihnen die Möglichkeiten gegeben, ein ganzes Leben lang frisch und froh in der Erkenntnis fortzuschreiten, denn es handelt sich um lauter Geheimnisse, an denen man ein Leben lang weiter erkennen kann, und zum Ende kommt man nie. Aber es muss eben auch der Enthusiasmus und die Erkenntnisbereitschaft da sein. Man muss nicht ein solches religiöses Leben suchen, in dem man den fertigen Katechismus akzeptiert, sondern wo man die Flügel regt und sich sagt: Welche unendlichen Tiefen birgt ein jedes Kapitel in den neutestamentlichen und auch in den alttestamentlichen Schriften! Welche unendlichen Möglichkeiten hat der Menschengeist, sich da in Gebiete hineinzubegeben, die von der Seele erfahren und immer weiter erkannt werden können! Aber da handelt es sich natürlich nicht um eine Erkenntnis, die bloß kopfmäßig vor sich geht, wenn gleichzeitig die Frömmigkeit gepflanzt und gepflegt wird im Garten des Kultischen, des Sakramentalen. Dann ist es nicht mehr der kalte Intellektualismus, der erkennt, sondern dann ist Denken Andacht geworden, und aus der Andacht fließt fortwährend ein beglückendes, bereicherndes neues Erkennen, das man in aller Bescheidenheit wie die Morgenröte einer Erleuchtung empfinden darf. Das Herz denkt mit; die Alleinherrschaft des Kopfes ist abgetan.

Das neue Menschenbild

Der archimedische Punkt, um sich aus der Denkgewohnheit der materialistischen Weltanschauung herauszuwinden, ist der Mensch selber. Ja, wer ist denn der Mensch? Wer bin Ich? Die Naturwissenschaft, die Biologie, die Psychologie usw., sie können uns vom Menschen nur das zeigen und verständlich machen, was a m Menschen ist, niemals d e n Menschen selbst. Wer der Mensch ist, das ist eine religiöse Frage. Das haben die großen deutschen Idealisten sehr wohl gewusst. Der Mensch in der Auseinandersetzung mit sich selbst kommt zunächst auf alles das, was er nicht ist, auf das Nicht-Ich; findet sich schließlich vor einen Abgrund gestellt, bis er anfängt, sein geistiges Wesen zu erahnen, das aber nicht in derselben Weise greifbar ist wie sein leibliches Wesen. Fichte z. B. hat diesen Weg vom Nicht-lch zum Ich-Bewusstsein zurückgelegt und sagt dann:

Ich bin unsterblich, unvergänglich, ewig, sobald ich den Entschluss fasse, dem Vernunftgesetz zu gehorchen; ich soll es nicht erst w e r d e n. Die übersinnliche Welt ist keine zukünftige Welt, sie ist gegenwärtig; sie kann in keinem Punkte des endlichen Daseins gegenwärtiger sein als in dem andern; nach einem Dasein von Myriaden Lebenslängen nicht gegenwärtiger sein als in diesem Augenblicke. . .“

Die Seelenkräfte reichen heute meistens nicht aus, dieses Erlebnis durchzumachen, aber wer seinem eigenen Menschenwesen so unmittelbar gegenüberzustehen vermag, der mag nur den Gegebenheiten des Lebens folgen. Da ist uns ein Mensch, dem wir nahestanden, von der Seite gerissen worden. Was ist mit unseren Toten? Wo sind unsere Toten? Eigentlich könnte es heute schon Erfahrungen genug geben, aus denen hervorgeht, dass in der Menschheit von einer übersinnlichen Welt wirklich ein Wissen vorliegt. Die Toten sind in einer anderen Daseinsform, aber sie sind in einer Sphäre, die uns umgibt. Sie sind fortwährend mitten unter uns; nur dass wir sie uns so, wie sie in ihrem abgeschlossenen Leben waren, vorstellen, bringt uns immer wieder in Verwirrung. Ja, wo ist denn das Seelische, das Geistige eines Menschen, wenn er den Tod durchgemacht hat? Und in gleicher Weise muss man fragen: wo sind denn die seelisch-geistigen Wesenheiten derer vorher gewesen, die als Kinder unter uns geboren werden? Es kann eigentlich kein gesund denkender Mensch mehr die alten Theorien wiederholen, dass ein Mensch bei der Zeugung auch in seinem seelisch-geistigen Wesen erst entsteht. Nein, gezeugt wird bloß die Hülle. Woher kommen die Wesen, die sich dann in dieser Hülle verkörpern? Der Umgang mit Kindern gerade am Anfang des Lebens führt zur Erfahrung der übersinnlichen Welt, denn aus den Augen der Kinder schauen gewiss und wahrhaftig noch die Engel heraus. Man muss sich schon gewaltsam dagegen verschließen, wenn man das nicht sieht. Das ganze Wunder des Kindseins ist nur daher zu verstehen, dass da Menschenwesen aus einer höheren Sphäre in unsere Erdenwelt hereingekommen sind und sich der Leiblichkeit bedienen, die ihnen die Eltern zubereitet haben. Dann bevölkert sich das Drüben bereits. Da haben wir die Ungeborenen, da haben wir die Verstorbenen, d. h. die durch den Tod hindurchgegangenen Menschenseelen. Und sie sind da nicht allein. Wir sagen von einem Kinde, dass es seinen Schutzengel noch lange Zeit um sich hat, dass es überhaupt Engel in großer Zahl um sich hat, wie es die alten Volkslieder noch gewusst haben. Es ist kein Aberglaube, was in den Abendgebeten früherer Jahrhunderte von den Engeln, die um die Kinder versammelt sind, gesagt wird. Und so gibt es da, wo die ungeborenen und die durch den Tod gegangenen Menschenseelen sind, die schützenden, tragenden, geleitenden Wesenheiten, von denen die Bibel mit Selbstverständlichkeit spricht: Engel, Erzengel, Urkräfte bis hinauf zu den Cherubim und Seraphim. Eine ganze Welt tut sich vor uns auf, und wenn wir sie auch nur leise ahnen.

In früheren Zeiten war noch ein Wissen davon vorhanden, das aber heute erneuert werden kann. Natürlich kann man auch sagen, die Verstorbenen sind bei Gott, aber ist das denn etwas anderes? Das ist ja nur ein anderer Ausdruck dafür. Nun aber: wenn der Mensch vor seiner Geburt schon mit seinem innersten Wesen vorhanden aber und nach dem Tode weiter vorhanden sein wird, was ist dann eigentlich der Mensch, der jetzt so recht im Leben darinsteht? Man strebt oft danach, dass in dem, was man denkt und tut, der ganze Mensch darin sein soll. Darunter versteht man dann: ganz natürlich sein wollen, ,sich nicht genieren“. Aber man kann auch nach der anderen Seite einmal die Frage einer Vollmenschlichkeit aufwerfen. Ist es überhaupt der volle Mensch, der meint, ins volle Menschenleben hineinzugreifen? Da ist meist das eigentliche Wesen des Menschen gar nicht dabei. Was man heute unter Vollmenschlichkeit versteht, das ist etwas, was durch eine Verminderung, eine Subtraktion zustande kommt, wobei das eigentliche, innere Menschenwesen vergessen wird, sonst könnten diese »vollmenschlichen“ Übergriffe gar nicht geschehen. In den Paulusbriefen heißt es: „Unser Wandel ist im Himmel“. Damit ist gemeint, dass der ganze Mensch auch das höhere Selbst in sich einließen muss, das noch gar nicht in uns darin ist, das noch über uns schwebt, das sozusagen noch mit dem verbunden ist, was wir den Engel eines Menschen nennen können. Wenn man bloß die egoistische Frage stellt: was wird nach dem Tode? , weil man Angst vor dem Tod hat und nicht ausgelöscht werden möchte, dann kommt man nicht sehr weit. Mit dem, was unsterblich ist in mir, was meine ewige Entelechie ist, komme ich allerdings in ein Vakuum, in einen leeren Raum, in eine Not, wenn ich während des Erdenlebens für diesen unsterblichen Teil meines Selbstes nichts getan habe. Man lebt heute so, als gäbe es nur den leiblichen Menschen und noch ein klein wenig den seelischen Menschen. Was der geistige Mensch ist, »dessen Wandel im Himmel ist“, wer berücksichtigt das? Das erfährt man auch auf der Schule und der Universität nicht. Das erfährt man aber, wenn man ein religiöses Leben führt. Dann ist dieses geistige Wesen mitinbegriffen. Es müsste wieder zu den sich von selbst verstehenden Dingen des Lebens hinzugehören: dieses ernährende Pflegen dessen, was wir eigentlich erst selber sind in unserem wahren höheren Wesen. Das gerade ist der Sinn der Frömmigkeit. Die Frömmigkeit ist sozusagen die Ernährung meines unsterblichen Wesens.

Der Mensch reißt sich auf manche Art aus der Zerstreutheit heraus. Er hat gelernt, sich verstandesmäßig und bei der Arbeit zu konzentrieren. Konzentration des Gedankens, des Handelns. Aber diese Art der Konzentration allein zermürbt ihn. Deshalb gibt es die Ferienepidemie in der Menschheit. Kaum hat der Zeitgenosse eine Weile gearbeitet, ist er wieder krank und muss in Erholung gehen. Das heutige Leben ist barbarisch, weil es nicht mit dem wahren Menschenwesen rechnet. Was fehlt, ist die Konzentration der Seele, die Konzentration des Herzens, der Mitte zwischen dem Gedanken und dem Willen. Diese Konzentration des Herzens und der Seele kann aber keinen Krampf bedeuten; sie ist Sammlung. Das gerade ist Frömmigkeit, und das fehlt, wie überhaupt die Mitte im Menschen fortwährend stiefmütterlich behandelt wird. Der Kopf und die Faust kommen schon zu ihrem Recht, aber die Mitte des Menschen, wo das Herz ist, ist gefährlich unterernährt. Der Mensch fühlt sich oberhalb der Naturreiche: Stein, Pflanze und Tier, aber er muss sich auch fühlen unterhalb der Welt, wo die Menschenseelen der Verstorbenen mit den Hierarchien des Himmels zusammen leben und weben.

Ja und Gott? Das Wort ,,Gott“ ist vielfach allein übriggeblieben. Es wird aber wieder mehr bedeuten für die Menschen, wenn man die bildhafte Sprache alter Zeiten wieder mit aufnimmt. Wenn man z. B. sagt: ich habe die Hand Gottes in meinem Leben verspürt, was hat man da erlebt? Man hat in Wirklichkeit seinen Engel erlebt, denn der Engel ist die Hand Gottes. Und so könnte man sagen, die Erzengel sind die Arme Gottes, die Seraphime sind die Augen Gottes. Gott ist das umfassende Wesen, dessen Gliedmaßen die Engel, die Menschen und die Naturreiche alle miteinander sind. Man möge nicht aus der Angst, man würde aus dem Monotheismus herausfallen, an den Hierarchien zweifeln. Die Engel bis hinauf zu den Seraphim sind Glieder am Leibe Gottes, und wir ahnen durch alles, was wir aus der geistigen Welt erfahren, den Vater. Da braucht man keine Katechismusunterweisung, sondern man kann im Grunde als moderner Mensch, wenn man nicht bloß in den materialistischen Denkgewohnheiten befangen ist, sich eine realistische Vorstellung machen von der höheren Welt. Ich meine realistisch in dem Sinne, dass man auch die Welt für real nimmt, die wir nicht mit den Sinnen wahrnehmen, die aber noch wichtiger ist als die Welt, die wir mit den Sinnen wahrnehmen. Wenn wir sagen, die Engel sind die Hände Gottes, dann gibt es da auch ein hohes Mittelpunktswesen, das man das Herz Gottes nennen kann. Das ist das Wesen, das wir mit dem Christusnamen bezeichnen. Gott und Unsterblichkeit brauchen keine Glaubensartikel mehr zu sein, und auch Christus kann ein Gegenstand demutsvoller Erkenntnis werden.

Man hat, wie oben bereits gesagt, im 4. Jahrhundert die Frage aufgeworfen: Ist Christus Gott oder Mensch? Auf eine solche Frage konnte man keine vernünftige Antwort bekommen. Man fragte so, weil man damals schon von den Hierarchien nichts mehr wusste. Arius sagt, er ist ein Mensch. Athanasius sagt, er ist Gott. Aber beide Antworten treffen nicht das Richtige. Mit dem Jesusgedanken — da ist der bloße Mensch gemeint — meinen viele Christen gut zurechtzukommen. Sie stellen sich dann vor, dass der Opfertod dieses ganz besonders heiligen, hochstehenden Menschen Jesus von Nazareth eine Art Erlösung für die Menschheit bewirkt hat. Das ist aber ein alttestamentlicher Opfergedanke. Menschliches allein hilft hier nicht. Keiner kann die Schuld eines Andern begleichen und wäre er der höchste Mensch. Nein, es handelte sich bei Jesus von Nazareth schon um eine Gestalt, die mehr ist als ein Mensch. Man muss es nur zu verstehen suchen. Und man kann es verstehen, wenn man angefangen hat, den Blick auf die Stufenreiche der Hierarchien über uns zu Richten. In dem Menschen Jesus von Nazareth wohnte ein höchstes göttliches Wesen: In ihm wohnte der Christus. Und damit ist der Ausblick auf die Gnade eröffnet, auf das, was aus höheren Welten kommt, aber in das Menschenwesen hereinwirkt. Und indem wir das über der menschlichen Ebene liegende Höhere ins Auge fassen und so den Anschluss an die Sphäre der Hierarchien suchen, finden wir zugleich den Anschluss an die Wirkung, die von dem Christuswesen durch das Ereignis von Golgatha ausgegangen ist und die noch tiefer unter den Menschen heruntergegangen ist, wo die ganze Erde eine Verwandlungswirkung empfangen hat durch das, was durch das Sterben und die Auferstehung des Christus geschah. Der Mensch kann nur auf seine Seele wirken. Auf seinen Leib kann er eigentlich nicht wirken. Aber wenn ein höheres Wesen Mensch ist, wirkt das vergeistigend bis in die Leiblichkeit herein. Und der Sieg über den Tod, die Auferstehung, war schließlich die volle Verwandlung der irdischen Leiblichkeit in eine geistige Leiblichkeit. Was dem Tode auf Golgatha unmittelbar vorangegangen ist, die Szene vom Gründonnerstagabend, da der Christus Brot und Wein nahm und sie den Jüngern gab und sagte: Das ist mein Leib, das ist mein Blut, es war eine Vorstufe der Auferstehung, ein Hineingießen dieser hohen Innerlichkeit in die Elemente unseres irdischen Daseins, so wie nachher der irdische Leib voll durchgeistigt war, und in diesem Geistleibe konnte Christus den Jüngern in den Tagen zwischen Ostern und Himmelfahrt erscheinen.

Die Erlösungstat Christi —das Mittelpunktsereignis der Weltgeschichte

Wir haben zunächst davon gesprochen, dass die Christengemeinschaft sich die Anpflanzung einer neuen, für den modernen Menschen geeigneten Frömmigkeit angelegen sein lässt. Dann war davon die Rede, wie sie in freier Begeisterung in allen ihren einzelnen Gliedern mitwirken will daran, dass wieder das Licht einer höheren, göttlich durchatmeten Welt in unser irdisches Erkennen hereinfällt.

Zuletzt komme ich noch einmal auf das kultische, auf das sakramentale Element, wie wir es in der Christengemeinschaft pflegen, zurück. Das Kultische darf nicht bloß eine allgemeine Andachtsveranstaltung sein, es muss sich um eine christliche Frömmigkeit, um eine christliche  Andacht handeln. Das heißt, dass eine ganz spezifische Kraft von dem Auferstandenen her in die Seelen hereindringt, wenn die Seelen wieder auf neue Weise fromm werden und dadurch aufgeschlossen und empfänglich für diese Kraft. Diese Empfänglichkeit nennt das Neue Testament den Glauben. Das alttestamentliche Weltbild war noch so, dass Gott und Mensch sich gegenüberstanden, wie durch eine tiefe Kluft voneinander getrennt. Diese Kluft ist dadurch entstanden, dass der Mensch in Sünde verfiel und aus dem Zusammenhang mit Gott herausfiel. Dann aber hat das große Mittelpunkts-Ereignis der Weltgeschichte stattgefunden: Christus, der Sohn Gottes, wurde Mensch. Von nun an entspricht es nicht mehr der Wirklichkeit, dass der Mensch sich durch einen großen Abgrund von Gott getrennt fühlt, wie das vielfach aus dem Alten Testament in gewisse christliche Theologien hereinragt. Das christliche Prinzip ist das der Einwohnung. So wie der Christus dazumal in dem Menschen Jesus von Nazareth eingewohnt hat, so kann er, wenn auch natürlich nur wie in einem Abglanz, in jedem Menschen wohnen. Jeder Mensch kann in einer gewissen Weise zum Christophorus, zum Christusträger werden. Dann folgt auf das historische Ereignis ,,Christus in Jesus“ das religiöse Ereignis »Christus in uns“. Das ist das paulinische Wort »Nicht ich, sondern der Christus in mir“. »Nicht ich“, das schließt ein, dass der Mensch sich seiner Sündhaftigkeit bewusst ist. Und der Christus in mir“ heißt, dass er sich der Gnade, der Kraft bewusst ist, die ihm von oben zuströmen kann, wenn er das Herz dafür auftut.

Das Feiern der heiligen Handlung ist ein gemeinsames Gebet, von dem aus dann schon mit der Zeit auch die Einzelnen wieder beten lernen, denn das haben ja zunächst einmal die Menschen heute verlernt. Aber wenn die Weihehandlung den Schritt tut von der Opferung — was eigentlich bedeutet „nicht ich“ — zur Wandlung — was heißt „Christus in uns“ —  , dann vollzieht sich, dass der Christus nicht nur im Menschen, sondern auch in Brot und Wein, in den Erdenelementen, aufleuchtet. Und das Element der Wandlung nach der Opferung ist die fortwährende Anknüpfung an Tod und Auferstehung Christi, an Karfreitag und Ostern. Bevor die Verwandlung von Brot und Wein erlebt wird, wird die Verwandlung des Menschenwesens erlebt. Dieses verwandelt sich natürlich nicht so, dass es ein für alle Mal anders ist, es verwandelt sich die menschliche Seele immer für die Zeit des Andächtig seins. Als Erstes wird umgewandelt die Unruhe in Frieden. Friede muss einmal innerlich gestiftet werden, sonst kann er niemals in der Welt eine Tatsache werden. Das Zweite, was entsteht, ist, dass eine innere Kraft, eine Stärkung in der Seele gefühlt wird. Und das Dritte ist, dass dann der Mensch anfängt zu lieben. Wir haben in unserer Menschenweihehandlung eine Stelle, wo um die Einwohnung des Christus ausdrücklich gebeten wird, durch den der Friede in die Herzen einzieht und durch den die Menschen geeinigt werden.

Das sind die Stufen. Wie kommt der Mensch dazu, liebefähig zu werden? Die Schule dafür ist, dass er Gott liebt, und in der Schule dieser Liebe zu Gott lernt er die Liebe zu den Menschen. Man kann nicht einfach sagen: Du musst zu deinem Mitmenschen lieb sein. Aber das religiöse Element, die Liebe zu Gott, ist der Brunnen, aus dem auch die Liebe zu den Menschen aufsteigt. Und dann wird das Wunder der Gemeinschaftsbildung zur Tatsache. Ebenso kann man nicht sagen: Ihr müsst Gemeinschaft pflegen. Alle diese Appelle haben heute nichts zu bedeuten, weil die Seelen zu schwach geworden sind. Appelle und Ermahnungen haben gar keinen Sinn mehr. Es entstehen nur gute Vorsätze, mit denen jedoch nur der Weg der Nichterfüllung gepflastert wird. Aber Frömmigkeit pflegen, Liebe zu Gott üben, daraus wächst die Liebe zu den Menschen hervor. Moral ist die Frucht der Religion. Und wenn so die Wandlung der Seele durch die erbetene, geahnte Einwohnung des Christus in den Seelen beginnt, setzt sich das in die Leiblichkeit des Menschen hinein fort. Es werden in Zukunft Heilwirkungen aus dem christlichen Gottesdienst hervorgehen. Wir sind davon noch weit entfernt, aber es ist doch unverkennbar. Es geschehen nämlich andererseits auch undurchschaute Beeinflussungen des Menschenwesens durch das, was heute die Technik produziert. Die gesundheitsschädigenden Wirkungen, sagen wir der Radioaktivität, kann man zwar noch nicht eindeutig feststellen. Würde man wissen, was der menschliche Lebensorganismus, der „Ätherleib“ ist, könnte man da bestimmte Untersuchungen anstellen, so würde man wahrscheinlich sehen, dass die Ätherleiber der Menschen durchweg wie vergiftet erscheinen durch das, was heute in der Welt an Experimenten praktiziert wird. Es sind Todesstrahlungen, deren Wirkungen man nur am physischen Leibe noch nicht abliest. Sie zeigen sich in der Nervosität, in den Ermüdungserscheinungen, die gar nicht in dem Maße da sein müssten, wie sie es sind. Aber man wird auch erleben, dass echte christliche Frömmigkeit hier eine Wandlung mit sich bringt, wo Lebensstrahlungen wachgerufen und die Lebenskräfte gestärkt werden. Diese Lebensstrahlungen werden einst mit den Todesstrahlungen aus der Atmosphäre fertig werden müssen. Zum mindesten sind das Ausblicke, die heute vor uns stehen. Wenn es in den Paulusbriefen heißt: »Christus ist unser Leben“, kann man das ruhig einmal auch rein naturwissenschaftlich nehmen. Aus der Christussphäre werden unsere Lebenskräfte beeinflusst, wenn wir die christliche Frömmigkeit pflegen, die die Einwohnung des Christus in der Menschenseele zum Inhalte hat. Zu dem »Wunder der Technik“, das heute die Menschen ruiniert, wird hinzutreten müssen das ,,Wunder des Glaubens“. Nur muss man nicht mirakulöse Ereignisse erwarten. Das muss eine ruhig verlaufende, verständliche Angelegenheit sein, und ich meine, man ist im Grunde auf dem Wege, die Dinge so anzusehen.

Hinzu kommt, dass all dem eine ungeheuer große Aktualität innewohnt. ,,Christus heute“, das ist ein Thema, das den allerinnersten Nerv des heutigen Menschen berührt. Die biblischen Schriften sind voll davon, dass einmal die Parusie“, die neue Gegenwart des Christus, einsetzen wird. In gewissen Sekten wird dies so dargestellt, als erscheine der Christus noch einmal in physischer Gestalt. Das ist schon deshalb ein vollkommener Unsinn, weil sich die Wiederkunft nur auf den Auferstandenen beziehen kann, der sich in einer ätherischen, in einer geist-leiblichen Hülle den Jüngern offenbarte. Und wenn es in der Himmelfahrtgeschichte heißt: Er wird in derselben Art wiederkommen, wie ihr ihn jetzt seht gen Himmel fahren, dann bedeutet das: wenn sich das Ereignis der Wiederkunft Christi kundtut, zeigt sich das zunächst in dem leisen, aber deutlichen Empfinden von Kräften, die man vorher nicht kannte — wenn die Herzen offen sind. Und es ist unsere Zeit schon der Anfang derjenigen Epoche, die die Bibel meint, wenn sie von der Parusie spricht. Aber die Wiedererscheinung des Christus geschieht auch nicht visionär, wenn schon manche Seelen, die dafür veranlagt sind, Schauungen haben werden; und es haben heute schon viele Menschen derartige Schauerlebnisse. Zunächst macht sich die neue Gegenwart Christi mehr als Inspiration bemerkbar, und es ist dadurch in der Stille die Möglichkeit vorhanden, neue Ideen, neue Gedanken unter der »Wolke“ entgegenzunehmen. Es ist dieselbe, von der die Evangelien sagen, dass er »in der Wolke“ erscheint. Es ist wie ein Lichtregen aus einer Geistwolke, der auf die Menschen herunterregnet, nur haben die Menschen nicht die Aufmerksamkeit darauf gerichtet. Die Ideen, die wir brauchen, wären da, wenn christliche Frömmigkeit mit offenem Weltsinn verbunden gepflegt würde. Die alten Denkgewohnheiten verstopfen heute alle Zugänge. Schließlich sieht man doch, wie allerlei Neues überall sich durchringt in der Malerei, in der Musik, in der Wissenschaft. Es ist auch ein Zeitphänomen, dass die Menschen zu Millionen in die Ausstellungen moderner Maler gehen. Noch vor kurzem hat man scheußlich gefunden, was sie gemalt haben. Was zieht die Menschen nun dort hin? Es fallen auch in die künstlerischen Bereiche Strahlungen herein, die von einer neuen geistigen Situation herrühren. Und es könnte noch sehr viel mehr sein. Eine Gabe dieser neuen Konstellation ist ja gerade das Lebenswerk Rudolf Steiners, ist die Anthroposophie, ist auch das, was an Lebensfrüchten daraus hervorgegangen ist. Es gibt nun eine Pädagogik, die auf Anthroposophie beruht und die heute in der ganzen Welt beachtet wird. Da sind die Inspirationen des Zeitalters schon in großem Umfang fruchtbar geworden.

Auch das sakramentale Leben der Christengemeinschaft ist eine Gabe dieser neuen geistigen Weltkonstellation, die Sakramente, die wir vollziehen, sei es, dass ein Sterbender das Sterbesakrament empfängt, sei es, dass zwei Menschen die Ehe schließen und das Sakrament der Trauung entgegennehmen wollen, sei es, dass Kinder getauft oder konfirmiert werden. Dieses sakramentale Leben ist wie eine bildhaft ausgebreitete höhere Menschenkunde, denn die Sakramente beziehen sich immer auf den übersinnlichen Menschen. Was die Christengemeinschaft an den Gräbern vollzieht bei den Bestattungen, ist ein wirkliches Geleite der Seelen über die Schwelle, die sie einige Tage nach dem Tode zu durchschreiten haben. Man wächst aus diesen religiösen Gegebenheiten in eine religiöse Weltanschauung auf ganz deutliche Art hinein, wenn man nur will. Und so wollen wir in der Christengemeinschaft nach unseren Kräften weiterbauen an dem Tempel des Sakramentes, an dem Tempel der heutigen Christuswirksamkeit. Und in diesem Tempelbau, wenn er einmal erfühlt wird, erfährt man eine höhere Belehrung über die Weltgeheimnisse, man hat dann im Keime, im ahnenden Ansatz, was sich zu einer spirituellen Weltanschauung im Ganzen erweitern kann. Wir möchten dazu beitragen, dass ein neues Zeitalter in der Geschichte des Christentums heraufzieht. Der Katholizismus hat vor allem immer die Macht seines Kultus ausgeübt. Der Protestantismus hat dann diese Macht als die Freiheit des Menschen beeinträchtigend abgeschüttelt und sich auf das Feld einer frei-religiösen Persönlichkeit und Erkenntnis begeben. Wir möchten, dass in der Zukunft etwas entsteht, wenn auch aus kleinen Anfängen heraus, was die Synthese von beidem ist, was das Gute des einen und das Gute des andern zu einer modernen Religiosität zusammenfasst: das kultische Leben, das uns zu einer Gemeinschaft macht, das uns Kraft gibt einerseits, und der Mut, frei Erkennende zu sein, Fragen zu stellen, die uns zu Antworten, zu dem Erkennen einer höheren Welt führen, andererseits. Und so ist die Zukunftsaussicht, der wir uns widmen, der wir alle unsere Kräfte weihen, die, nun ein Doppeltes zu verwirklichen, das an das Gethsemanewort des Christus anklingt „Wachet und betet“. Aber ich möchte es so ausdrücken: Betet, lernt wieder beten und lernt erwachen. Lernt im Erkenntnisstreben auf dem geistigen Feld auf die richtige Weise zu erwachen. Dies soll jedenfalls von uns nach besten Kräften angepflanzt und gepflegt werden: die Kunst des Betens und die Kunst des Erwachens.

DAS SAKRAMENTALE LEBEN UND DAS GEBET

Das Leben wird in unseren Tagen auf eine rätselhafte Weise schwerer. Das muß als wichtigstes Zeichen der Zeit wahrgenommen werden. Da bemüht sich mit großen Anstrengungen der Menschengeist um den Fort-schritt der Zivilisation, und gerade die kulturellen Errungenschaften sind es, die das Leben auf diese rätselhafte Weise schwerer machen. Was haben sie eigentlich für einen anderen Zweck, als den Menschen das Leben sinnvoll zu gestalten? Aber der „Fortschritt“ heute scheint zum Selbstzweckgeworden zu sein. Und so sind die Begleiterscheinungen dieses Fortschrittes ein Lärm, der die Menschen irritiert, den sie kaum mehr mitmachen können. Vergiftete Speisen muss man essen, weil man in der Welt die Meinung hat, die Nahrungsmittel erst desinfizieren, konservieren und auf lange Dauer haltbar machen zu müssen. Die Anwendung der Elektrizität wird ohne Rücksicht auf die Menschen gesteigert. Die Atomenergie wird hemmungslos in der Welt entwickelt. Das Wetter ist nicht mehr in seinem Gleis. Störungen im Klima, in den Jahreszeiten werden immer deutlicher und man kann in der Tat die Frage erheben, ob nicht diese Störungen in der die Menschen umgebenden Natur Folgeerscheinungen sind dieses und besonnenen, hemmungslosen Fortschrittsstrebens. Da tauchen dann in den Menschen, jetzt sogar schon in den Menschen außerhalb der großen Städte, Ermüdungserscheinungen, Anfälligkeiten, Nervositäten auf, die es in dieser Art früher nicht gegeben hat.

Hinter diesen Erscheinungen steht ein schwieriges religiöses Problem. Das Schlimmste ist heute, dass man sich diesen Erscheinungen gerne verschließen möchte. Man macht alle möglichen Ablenkungsmanöver; man täuscht sich darüber hinweg. Ja der Wohlstand, der nun wieder eingekehrt ist, ist so recht geeignet dazu, diese Gefahrenzone mit einem Vorhang zu verschließen. Es geht uns heute eigentlich schon wieder zu gut. Innere Besinnung wird immer seltener. Aber auch die Vertreter der Wissenschaft, von ganz wenigen Ausnahmen verantwortlich Denkender abgesehen, tun sich immer wieder dadurch hervor, dass sie dem Menschen diese Erscheinungen als harmlos darstellen.

Dazu hat man allerdings ein gewisses Recht, denn die Wissenschaft kann nur die messbaren Schäden konstatieren, und hier handelt es sich hauptsächlich nicht um äußerlich nachweisbare Schädigungen. Da spielt sich unendlich viel unter der Schwelle des Bewusstseins ab, und es handelt sich in erster Linie um seelische Schädigungen, die heute ins Riesenhafte anwachsen. Wir haben es in der zivilisierten Menschheit mit dem erschreckenden Symptom der geschädigten Seele zu tun; besser mit dem Schaden am inneren Menschen, weil es nicht bloß die Seele ist, die beschädigt wird, denn eine Seele hat ja auch das Tier. Beim Menschen ist noch das in die Schädigungen miteinbezogen, was er über das Tier hinaus in sich trägt, sein eigentliches Menschentum. Theodor Heuss hat gewissermaßen als ein letztes Wort seiner Bundespräsidentschaft auf dem Münchner Evangelischen Kirchentag 1959 das Stichwort ausgesprochen, das sich die heutige Menschheit noch mehr als eine frühere zu Herzen nehmen müsste: »Was hülfe es dem Menschen, wenn er die ganze Welt gewönne, aber Schaden nähme an seiner Seele!“ Die heutige Menschheit nimmt Schaden an ihrer Seele und am allermeisten da, wo sie am stolzesten sein kann auf ihre Errungenschaften. Sie will es nur noch nicht wahrhaben, aber sie wird es in den nächsten Zeiten unbedingt erkennen.

Die religiöse Grundfrage: Was ist der Mensch?

Ja, was ist der Mensch? Das ist die religiöse Grundfrage unserer Zeit. Sie ist fast noch wichtiger als die Frage: Wer ist Gott? Wichtiger als die Frage: Was glaubst du? ist heute die Frage: Wie steht es mit deiner Fähigkeit, religiös zu sein? Kannst du noch fromm sein? Kannst du noch Mensch sein?

Der Mensch ist nicht von dieser Welt, sein Ursprung ist im Himmel; ja der Mensch i s t ein Himmelswesen. Man kann den Menschen nicht verstehen, ohne zu fragen, woher er kommt, wenn er geboren wird, und wohin er geht, wenn er stirbt. Der Himmel ist die Heimat des Menschen, und zwar nicht bloß in dem etwas sentimentalen Sinn gewisser frommer Lieder

,,Wo findet die Seele die Heimat, die Ruh?“ Darin spricht sich dann doch nur die Sehnsucht aus, in den Himmel zu kommen, während es genau genommen bedeutet, dass der Himmel die Heimat des Menschen, also sein Herkunftsland ist. Was aber soll man sich heute darunter vorstellen? Nur wenn man anfängt, sich darunter etwas vorzustellen, wird man wieder lernen, sich als ein unsterbliches Wesen zu fühlen. Heute wissen die Menschen, man möchte fast sagen, alles und noch vieles dazu, aber was der Mensch ist, wissen auch die Sachverständigen und die Kenner nicht. Wo heute der Mensch ins Auge gefasst wird, wendet man auf ihn das naturwissenschaftlich-materialistische Weltbild und das damit zusammenhängende Erkennen an, auch bis in die religiösen Kreise hinein. Dieses Weltbild ist aber atheistisch, und das dazugehörige Erkennen schließt die Wahrnehmung des Geistigen aus. Es rechnet nicht mit dem Himmel, der die Heimat der menschlichen Seele ist. Wir haben weitgehend eine Pädagogik mit einer atheistischen Menschenkunde. Wir haben weitgehend eine Medizin mit einer atheistischen Menschenkunde. Ja, wir haben auch weitgehend eine religiöse Praxis mit einer atheistischen Menschenkunde, wenn man das auch selber nicht bemerkt. So ist auf dem Evangelischen Kirchentag in München 1959 in dem vielleicht repräsentativsten Vortrag dem biblischen Weltbild der Abschied gegeben worden. Man hat sich gerade unter dem Thema ,,Der Sputnik und der liebe Gott“ eigentlich zu dem atheistischen Weltbild der heutigen Zeit bekannt und sich nur gerade noch zu einem dialektischen Gottesbild geflüchtet. Der Sputnik als gleichberechtigter Genosse der planetarischen Himmelskörper dringt heute bereits bis zu den Kinderherzen vor und kommt gelegentlich im Religionsunterricht an die Oberfläche. Wie soll der Mensch gedeihen mit seinem allerinnersten Wesen, wenn er nicht weiß, was er ist? Man kennt die Hülle, in welcher der Mensch auf Erden lebt, man kennt ihn selber nicht. Und so kommt es dann dazu, so stolz der Mensch auch in die Runde schaut und seine Erfolge überblickt: der Mensch in uns, der droht ganz schwächlich, unterernährt, ja krank zu werden.

Das Altertum hat in allen seinen Lebenszusammenhängen noch viel Weisheit gehabt. In der griechischen Sprache, in der auch die Evangelien auf uns gekommen sind, gab es für Krankheit das Wort »Astheneia“. Wir haben dieses Wort noch in der Zusammensetzung „Neurasthenie“. Astheneia heißt: die Schwäche. In der griechischen Kultur hat man dieses Wort auf den ganzen Menschen bezogen und die körperlichen Krankheiten auf seelische Schwächen zurückgeführt. Dahinter steckt eine tiefe Wahrheit, die erst wieder neu entdeckt werden muss. Heute sind die Menschen dabei, durch eine universelle Betriebsamkeit ihre Seelen immer noch mehr zu schwächen. Was tun denn die Menschen, um sich zu stärken, um sich zu erholen, wie sie sagen? Sie betreiben statt der Sammlung, die sie innerlich vollziehen müssten, eine fortwährende und künstlich immer noch vollkommener gestaltete Zerstreuung. Das Wort er-holen bedeutet genau genommen »sich wieder hereinholen“. Das ist nicht mit Tabletten und Dragées getan! Heute sind wir im Begriff, einen ungeheuren Lebensdilettantismus zu entfalten, denn alles, was man tut, steigert die Schwäche. Die Freizeitgestaltung, die freie Zeit auszufüllen, wie läuft das? Die Freizeitgestaltung ist die große Frage der Gegenwart. Die Menschen wissen nicht ihre freie Zeit auszufüllen. Schiller hat mit der ihm eigenen philosophischen Tiefe die Bedeutung dieses Problems erkannt. Er sagt von seinen Zeitgenossen: „Ihre Maximen wirst du umsonst bestürmen, ihre Taten umsonst verdammen, aber an ihrem Müßiggang kannst du deine bildende Hand versuchen. Verjage die Willkür, die Frivolität, die Rauigkeit aus ihren Vergnügungen, so wirst du sie unvermerkt auch aus ihren Handlungen und endlich aus ihren Gesinnungen verbannen.“ Und er weiß auch den Weg anzugeben, auf dem dies allein erreicht werden kann: „Gib der Welt, auf die du wirkst, die Richtung zum Guten. Wenn du lehrend ihre Gedanken zum Notwendigen und Ewigen erhebst und es in einen Gegenstand ihrer Triebe verwandelst, fallen wird das Gebäude des Wahns und der Willkürlichkeit. Aber in dem inneren, nicht bloß in dem äußeren Menschen muss es sich neigen.“ Die Betäubung und die Lahmlegung des inneren Menschen  ist schon sehr weit gediehen.

Absonderung vom Göttlichen — Himmelsursprung — Sünde als kultureller Zustand

Und wie verhält sich zu dem modernen Leben die Frömmigkeit? Der moderne Mensch will zunächst von Frömmigkeit nicht recht etwas wissen. Er sagt: beten, das mögen die altmodischen Leute tun. Es muss natürlich jeder Mensch mit dem modernen Leben gehen, es ist ganz verkehrt und auch nicht im Sinne des religiösen Lebens und des Christentums, den Fort-schritt, das moderne Element zu fliehen und sich in einen Winkel zurückzuziehen, wo man noch weiterhin auf alten Schätzen ausruhen kann. Gibt man sich aber heute dem modernen Leben hin mit seinen intellektuellen und technischen Errungenschaften, dann stirbt die Frömmigkeit in der Seele. Wenn es die rechte Frömmigkeit gäbe, die unserem Zeitalter entspräche, müsste man sagen: eigentlich kann nur ein frommer Mensch sich erlauben, modern zu sein, weil er die Goldwährung hat für das viele Papier, das er um sich streut. Aber diejenige Form des religiösen Lebens, die vom modernen Leben nicht angefressen wird und nicht darunter zugrunde-geht, die fehlt eben heute noch. Und so wird, was die Frömmigkeit an langt, vom Kapital gezehrt. Das Kapital aber kann sich aus sich heraus nur verbrauchen. Es kann nicht ewig gestreckt werden.

Als die Menschen noch in kindlicher Art etwas fühlten von ihrem Himmelsursprung, von einer höheren göttlichen Welt, aus der sie stammen, da waren sie fromm. Die Frömmigkeit war geradezu das Gefühl des Himmelsursprungs des innersten Menschenwesens. Es war ein fortwährendes Sich-Erinnern an den Himmel, was in der Seele des Menschen noch wie eine warme Farbigkeit lebendig blieb. Aber dann kam die Zeit, in der diese Wärme und dieses Farbige in der Seele erlosch. Wir sind ja geradezu an einem Weltenwendepunkt angekommen: ganz nahe dahin, wo wir Menschen an den Nullpunkt der Frömmigkeit geraten, wo der Erbschaftsvorrat an Frömmigkeit verbraucht ist. Religion ist auf dem absteigenden Wege; sie ist ein ausgehendes Licht. Soll der Zusammenhang der Menschenseele mit der Geisteswelt, dem Göttlichen und der Religion in unserer Zeit einmal abreißen? Soll die Gotteswelt unwiederholbar dem Menschen versinken? Das ist letzten Endes die tiefgreifende, beklemmende Frage, die der verantwortliche Beobachter heute im Grunde schon stellen muss. Wer diese Frage nicht stellen kann, sieht eben den Ernst des Augenblicks doch nicht. Audi wenn die kirchliche Propaganda noch so große Erfolge haben sollte, dürfte man sich darüber nicht täuschen, dass dies so ist, denn es ist kein Beweis für eine aufsteigende Frömmigkeit, wenn Kirchen oder Konfessionen gedeihen, wenn sie Erfolge haben mit ihrer Werbung. Das wird von ernsten Vertretern des Kirchentums selber so gesehen und auch so dargestellt. Denn es ist zu sehen, dass ein Fortschritt auf religiösem Gebiet nur dann sinnvoll ist, wenn es auch ein Fortschritt der Frömmigkeit in den Seelen ist. Der Tod der Frömmigkeit, die Götterdämmerung des frommen Seelentums betrifft ja insbesondere das europäische Gebiet. Im Osten, schon in Russland, aber erst recht nach Asien hinein, hat die Menschheit noch viel von dem alten religiösen Erbe. Es gelingt aber nicht, die alte religiöse Magie in den Dienst der Menschheit zu stellen. Und so schlägt diese Erbschaft, über die gerade auch das russische Volk verfügt, das ein tief fromm veranlagtes Volk ist, gegen das Christentum aus. Das Christentum wird vom Osten nicht nur von einer Ideologie, es wird vielmehr von einer magischen Frömmigkeit bedroht, wie sie die Christenheit schon lange nicht mehr besitzt, die aber den Elan des Bolschewismus ausmacht. Da steckt etwas dahinter, gegen das das lahme Leben der Christenheit nicht aufkommt, und uralte Dämonenfrömmigkeiten des asiatischen Kontinentes sind im Begriff, sich anzuschließen. Was tut die Menschheit im Ganzen gegenüber dieser Ungeheuerlichkeit, die sich vor aller Augen vollzieht? Sie antwortet — mit einem Leerlauf! Das Zu-Ende-Gehen der ererbten Frömmigkeit muss man mit scharfen Begriffen kennzeichnen. Jetzt erst kommt ein Sinn in das Wort Sünde, wie er eben durch die alttestamentlichen Vorstellungen immer verhüllt geblieben ist. Es gibt nicht nur die Sünde, die als moralische Untat begangen wird, es gibt insbesondere die Sünde als Zustand. Was da als menschheitliche Gefahr heraufzieht, haben auch die ersten christlichen Lehrer als die Erbsünde aufgefasst. Sünde in der deutschen Sprache kommt von „Absondern“. Sünde ist das von Gott Abgesonderte. Die Menschheit kommt heute in einen Zustand, in dem sie in großem Maßstabe sich von der Welt ihres eigenen Ursprungs absondert, von der Welt Gottes, von der Welt des Himmels, der sie doch entstammt. In ungeheurem Ausmaß macht sich die Menschheit heute selber heimatlos. Sie kommt als Ganzes in einen kulturellen Zustand der Sünde, d. h. in einen Zustand, der rein irdisch ist, wo der Zusammenhang mit dem Göttlich-Himmlischen verloren ist. Und jetzt wäre es wichtig, dass in der Menschheit wenigstens da, wo nur einigermaßen die inneren Voraussetzungen dafür vorhanden sind, ein kulturelles Sündengefühl entstände; dass man erkennen würde, welche Gefahr heute besteht. Wenn es in den biblischen Schriften heißt: ,,Der Tod ist der Sünde Sold“, dann dürfen wir sagen: ja das ist so: der Seelentod droht der Menschheit. Dass man am Ende des Lebens stirbt, ist keine erschreckende Tatsache mehr, aber dass die Seele schon stirbt, ehe der Leib stirbt, das sollte man heute erkennen. Die Menschheit steht im Begriff, der Unsterblichkeit verlustig zu gehen. Dies nennt die Offenbarung Johannis den „zweiten Tod“, wenn nicht nur der Leib stirbt, sondern die Seele mitstirbt, oder sogar schon vor dem Leibe erstirbt. Heute kann es interessante, begabte, eindrucksvoll wirkende Persönlichkeiten geben, die aber nur über Seelen verfügen, die schon erstorben sind.

Das Menschenerlebnis des 20. Jahrhunderts: Noch einmal von vorne anfangen

Demgegenüber hilft nur eine ehrliche Anerkennung der inneren Verarmung. Und die Frage lautet heute weniger: Ist der moderne Mensch noch fromm?“ Von der Zukunft her muss sie vielmehr so gestellt werden: Ist der moderne Mensch schon wieder fromm?“ Es gibt im Leben vieler Menschen heute — und in der Zukunft wird man das immer mehr beobachten können, es wird immer häufiger werden — ein einschneidendes, erschütterndes Erlebnis; die Ereignisse der Jetztzeit fordern es heraus. Der Mensch fühlt, dass es zu Ende mit ihm sei, dass alles, was ihn selber betrifft, die Beziehungen zur Außenwelt, alle Beziehungen zu anderen Menschen und alles, was er noch in sich selber wahrnehmen kann, einfach aufhört, dass es nicht mehr da ist. Da kann es dann geschehen, dass eine ihm vorher unbekannte Gewalt ihm das zuspielt: Fasse den Mut, fange noch einmal von vorn an! Ein unsichtbarer Geburtshelfer tritt in solchen Augenblicken an den Menschen heran, und er findet möglich, was der Unbekannte sagt. Greift er zu, so ist er nicht nur selbst neugeboren für einen Augenblick, sondern alles andere mit ihm, aber verändert, nunmehr neu.

Das ist es, was wir für die gesamte Kulturwelt heute brauchen, aber als gemeinsames Grunderlebnis unser aller. Wir brauchen nicht nur ein gemeinsames kulturelles Sündengefühl, sondern das große Erlebnis eines gemeinsamen neuen Mutes: Fangen wir von vorn an. Das Alte geht nicht. Vor dieser Aufgabe steht man heute ganz von vorn anzufangen mit der Frömmigkeit, mit der Religion im eigentlichen Sinne. Das ist der Menschheit zugedacht im 20. Jahrhundert. Das wird die Geburtsstunde der neuen Menschheit sein. Dass dieses Erlebnis eintreten kann, ist wesentlich davon abhängig, wie weit die wirkliche Einsicht reicht in die geschilderte Not.

Das Wort „religio“ bedeutet die »Wiederverbindung“, d. h. den Anschluss der inneren Menschenwesenheit an die Welt, die ihre Heimat ist, von der sie aber abgesondert ist, der gegenüber sie in den Zustand der Sünde verfallen ist. Wenn es zu einer Rettung der Menschheit kommen soll, dann ist eine große kulturelle Umkehr, eine kulturelle Bekehrung erforderlich. Nicht das würde helfen, wenn jetzt die Abtrünnigen reumütig in die Kirche zurückkehrten. Was nützen uns Kirchenchristen, wenn sie nicht wirklich fromm sind, wenn sie nur ihre Glaubensvorstellungen kennen, aber nicht die „aufgeackerte“ Seele haben, in die der göttliche Same hineingestreut werden kann?

Neue Himmelslehre und der Ursprung der Kultushandlungen

Die Christengemeinschaft möchte sich in den Dienst dieses neuen Anpflanzens stellen, ganz bescheiden aus den schlichtesten Anfängen heraus. Die Mittel, die uns für diesen Zweck gegeben sind, sind die Sakramente und das Gebet. Was heißt es denn eigentlich, dass der Mensch ein Hirmmelswesen ist? Dass der Himmel seine Heimat ist? In unseren Tagen ist das Wort ,,Himmel“ noch einmal wieder abgewertet worden, denn nun stellt man sich vor, wie eine Versuchsrakete auf den Mond auftreffen kann. Der Mond aber ist gar nicht der Himmel. Der Mond ist wie die anderen Planeten nur ein Grenzzeichen, das anzeigt, dass da eine Sphäre zu Ende geht und eine andere Sphäre beginnt. Und so, wie man auf der Erde das eigentlich Sphärische, Überirdische, übersinnliche nicht wahrnimmt, so nähme man selbstverständlich, auch wenn man auf den Mond kommen könnte und dort vielleicht noch die Möglichkeit des Atmens finden würde, auch nicht die Mondensphäre wahr. Aber dort beginnen die Sphären des Himmels, geistige Sphärenräume, wenn wir diesen Ausdruck gebrauchen wollen.

Das Neue Testament spricht auch nicht von „Dem Himmel“, sondern am Anfang des Vaterunsers heißt es: Vater unser, der Du bist in „Den Himmeln“. Paulus spricht sogar vom siebenten Himmel. Was hat man darunter verstanden? Wir brauchen jetzt nicht auf den wissenschaftlichen Wegen zu gehen, die heute schon begangen werden können durch die Anthroposophie Rudolf Steiners, wir können an ganz einfache Lebenswahrnehmungen anschließen. Nehmen wir an, wir gehen in ein Haus, in welchem ein von uns verehrter Mensch gestorben ist. Er ist noch nicht aus seinem Sterbezimmer weggetragen. Erfasst uns nicht schon seine Nähe, wenn wir über die Schwelle  des Hauses treten? Wir müssen nicht erst vor dem Sterbelager stehen; die Ehrfurcht beginnt schon sich zu regen, wenn wir uns auf den Weg zu ihm machen. Wenn ein Mensch seinen letzten Atemzug tut, breitet er sich sphärisch aus. Er verlässt seine irdische Behausung, so dass ein Himmel, der ein Leben hindurch in ihn hineinverzaubert war, jetzt frei wird. Er breitet sich wie eine Himmelssphäre aus. Dann mag vielleicht ein Mensch da sein, der ganz besonders mit dem Verstorbenen verbunden war, und er kann gar nicht anders als in einer gewissen Weise „mitzusterben“ . Er fühlt sich Wochen hindurch so seltsam entrückt, aus seinem Leibe herausgehoben. Wenn er später auf diese Zeit zurückschaut und genauer achtgegeben hat, muss er sagen: das war doch die heiligste Zeit in meinem Leben. Man braucht nur ein wenig mitzufühlen, was sich abspielt, wenn ein Mensch stirbt, dann beginnt man, die Himmel zu verstehen. — Wenn ein Mensch geboren wird, ist das nicht anders, denn wenn man mit einem aufgeschlossenen Herzen ein neugeborenes Kind betrachtet, auch seine Entwicklung im ersten, zweiten und dritten Jahr, sieht man, an dem Kinde ist etwas, das strahlt so aus, dass man sich gar nicht erlauben darf, zu sagen, das ist von dieser Welt. Es ist von einer anderen Welt, trägt seinen Himmel in sich hinein, so wie ein Sterbender seinen Himmel ausatmet. — Wenn ein Mensch vierzehn Jahre alt wird, tritt nicht nur das ein, was die übliche Anschauung als Geschlechtsreife bezeichnet. Das Wesentliche, das sich abspielt, ist, dass wiederum ein Himmel geboren wird. Der Himmel der Jugend blüht auf, eine Sphäre, die das Kind noch nicht hat, anstelle dessen es aber seinen eigenen Himmelbesaß. Dieser Himmel der Jugend wird von den Erwachsenen nicht gesehen, und da die Jugend sich nicht bestätigt fühlt in diesem ihrem eigentlichen Wesen, gerät sie in vielfache Bedrängnis. Sie versucht sich Geltung zu verschaffen durch Äußerlichkeiten, manchmal durch Gewalttätigkeit. Es ist ein wunderbarer Frühlingsblühtenhain, der da wie eine Sphäre aufsteigt, wenn die jungen Menschen in diesem neuen Lebensabschnitt von der Kindheit zur Jugend fortschreiten. — Oder nehmen Sie, was das eigentliche Wesen der Frau einschließt. Das ist etwas Ausstrahlendes, das natürlich durch die Aufnahme der Frau in die von Männern geformten Berufe stark bedroht ist. Aber es gibt glücklicherweise immer noch Landschaften, in denen das frauliche Element noch nicht ganz verschwunden ist. Die Frau hat wiederum einen besonderen Himmel in sich, den sie ausstrahlen lassen sollte, weil die Menschheit ohne diesen Himmel nicht gedeihen kann, der zusammenhängt mit dem Weitertragen der seelischen Qualitäten in die folgenden Generationen. Ein Sachwalter verfeinerter Seelenart wird immerdar die Frau sein müssen; ohne diese wird das Menschengeschlecht vergröbern, ins Tierische zurücksinken. Es ist schon ein tiefes Geheimnis damit verbunden: „Das Ewig-Weibliche zieht uns hinan“.

Taufe

Das ist das Geheimnis der Sakramente: Die Taufe hat keinen Sinn, wenn sie bloß in einer persönlichen Handlung besteht. Sie hat nur einen Sinn, wenn sie selber einen Himmel an den Himmel des Kindes heran-trägt, so dass das Sakrament das natürliche Menschenwesen segnet, damit das himmlische Geheimnis des Kindes unverlierbar gemacht wird. — Dann das Sakrament der Konfirmation. Man wird später sehen — wir erleben das schon Jahr für Jahr in der Christengemeinschaft —, wie wichtig gerade dieses Sakrament für das weitere Gedeihen des jungen Menschen ist, denn es wird gerade der Himmel, der nach zweimal sieben Jahren im Menschenaufblüht, heute völlig ignoriert und nur auf den materiellen Bestand hin betrachtet. Was könnte in der Menschheit wieder aufblühen, wenn das Geheimnis der ewigen Jugend wieder da wäre! Heute leben vielleicht die letzten alt gewordenen Menschen, die bis in die 80er Jahre und darüber hinaus noch etwas von der ewigen Jugend ausstrahlen. Die Menschheitsverhältnisse zerstören diese Himmelsgeheimnisse, lassen das alles nicht mehr aufkommen. Sie haben ein Klima verbreitet, in dem diese Blüten nicht mehr gedeihen. — Das Geheimnis der Ehe, das so nahe verwandt ist mit dem Wesen des Fraulichen, hat in der Welt schon keine Geltung mehr. Das heilig-Verpflichtende, das eigentlich-Unlösbare der Ehe wird weithin nicht mehr gesehen. Das hängt natürlich nicht bloß daran, dass in einzelnen Konfessionen die Ehe kein Sakrament mehr ist, man hat überhaupt, auch da, wo man Sakramente hat, nicht mehr das volle Gefühl für Verpflichtung, für das Bindende. Durch ein religiöses Leben kann sich aus dem Überpersönlichen her das Himmlische wieder wölben über den verschiedenen Lebensgeheimnissen im Menschenleben, die davon herrühren, dass der Mensch sie aus dem Himmel mitgebracht hat. Ein allgemeines Priestertum müsste sich darin entfalten, so dass diese Heiligtümer wieder verehrt, anerkannt und gepflegt werden. Und nun ist ja, wie die Sonne unter den Planeten, der gemeinsame Gottesdienst dasjenige Sakrament unter den anderen Sakramenten, das den eigentlichen Kultus des modernen religiösen Lebens ausmacht. »Gottesdienst“, das ist schon ein bedeutungsvolles Wort. Es wird nicht dem Menschen gedient, sondern die Menschen gemeinsam dienen Gott. Aber indem sie Gott dienen, wird ihnen ungeheuer vieles Heilvolle zuteil. Der reine Predigtgottesdienst dient dem Menschen und kann heute die Frömmigkeit nicht erneuern. Er zehrt vom Kapital. Der echte Gottesdienst ist die Schule der Andacht, die Schule, in welcher die Menschen lernen, stille zu sein, sich zu sammeln, einzutauchen in eine Sphäre, die nicht von dieser Welt ist. Die Menschen, die in regelmäßiger Treue in den Himmel eintauchen, können dann auf der Erde erst richtig Menschen sein. Friedrich Schiller hat in seinen Briefen »über die ästhetische Erziehung des Menschen“ für das Gebiet des Künstlerischen das Wort geprägt: „Wenn man den Menschen erziehen will, muss man ihn erst unter einen andern Himmel versetzen.“ Etwas Entsprechendes ist auch das Wesentliche des Gottesdienstes, des religiösen Lebens, dass man nicht nur in der Kirche sitzt, sondern unter einem anderen Himmel atmet. Da findet man eine Sphäre, in der man lernt, sein Herz aufzuschließen.

Der heutige Mensch ist zunächst taub auf den Ohren. Er sehnt sich zwar nach Musik, und die Konzertsäle sind voll von Besuchern, aber ein rechtes Fest des Hörens kommt nicht zustande, weil nicht nur das religiöse Empfinden, sondern auch das künstlerische Organ allmählich immer mehr verloren geht. Und die Menschen sind blind auf den Augen. Sie reisen zwar von Land zu Land, sie strömen in die Ausstellungen in einem Ausmaß, dass die Überfüllung den Museumsdirektoren Sorge macht. Aber es genügt nicht, mit den Augen zu sehen. Die Menschen machen die schönsten Reisen und sehen die wunderbarsten Landschaften, aber sie bleiben nicht bei dem Eindruck, sondern sie fotografieren, und dann meinen sie, sie könnten die Eindrücke von ihrem Foto zurückfordern. In Wirklichkeit haben sie nichts gesehen, sie schauen die Fotos an. Das Fest des Sehens kommt nicht zustande, weil die Seelen nicht aufgeschlossen, nicht fähig sind, zu sehen. Ja, Eindrücke muss man mit offener Seele in sich aufnehmen.

Der Weg von der Synagoge zum Tempel und vom Lehrhaus zum Heiligtum

Die Fähigkeit der Sammlung und inneren Aufgeschlossenheit ist neu zu lernen. Was ist das, was die Seele erfüllt, wenn die Menschen gemeinsam in einem kultischen Gottesdienst sind und dieser nicht an der Oberfläche vorüberzieht, sondern die Tiefen der Seele erreicht? Was wird erlebt, wenn ein Kultus durch langsam wachsende Fähigkeit der Andacht innerlich miterlebt, mit „gemacht“ wird? Dann ziehen wahre Erinnerungen an die Zeit vor der Geburt, Himmels-Urerinnerungen durch die Seelen hindurch. Das ist das Sich-Wiederverbinden, ein Sich-selbst-Wiederfinden ist es. Nur dass man vor der Geburt eine ganze Welt gewesen ist, nicht der enge Alltagsmensch des Erdenlebens. Man erinnert sich an seine Heimat. Aber die ist man selbst. Man hat die Fühlung wieder hergestellt mit der Welt, aus der man stammt, und die trägt man nun in sich. Man fühlt im vollen, ernsten Sinne des Wortes, wer man eigentlich ist. Und das Wort des Evangeliums „Werdet wie die Kindlein“ bedeutet nichts anderes als seinem Ursprung wieder näherzukommen. Das Kind lebt mit seiner Erinnerungskraft noch nicht auf der Erde. Was es hier erlebt, kann es erst erinnern für die Zeit, die nach dem dritten Jahr beginnt. Warum? Weil der Mensch in den ersten drei Jahren seines Lebens noch ganz in den Himmelserinnerungen lebt. Das ist das Wesen des Kindes, dass es noch gar nicht ganz auf der Erde ist, dass es noch von der Welt zehrt, in der die Engel leben. Und wenn der Mensch werden will wie die Kinder, dann muss er fromm werden. Er muss seine Seele aus der Versteinerung wieder auftauen lassen. Dann kommen die einst unmittelbar wahrgenommenen Himmelsstrahlen in die Seele herein. Wer ist mehr er selbst: ein vielleicht sehr bewusster, fleißiger, aber nervöser, unruhiger aufgeregter Mensch, oder der – Andächtige? Der andächtige erscheint dem anderen manchmal wie ein Faulpelz, der „lieber etwas gescheites tun sollte als auf dem Andachtsstühlchen zu sitzen“. Aber er ist mehr Mensch als die Geschaftlhuber, überall sind sich nützlich zu machen meinen, während das was sie leisten doch nicht in die Tiefe wirkt wenn der Kultus des gemeinsamen anbeten vor den Altären zur rechten Schule der Andacht, auch zur Schule des Gebetes werden soll, dann müssen wir den religionsgeschichtlichen Schritt, ich möchte sagen, von der Synagoge zum Tempel tun. Das altestamentliche Volk hatte in erster Linie die Synagoge, das Lehrhaus, nur in Jerusalem war ein Tempel. Vieles in der protestantischen Entwicklung ist mehr die Fortsetzung des Lehrhauses, von einer Aufrichtung des Tempels kann nicht die Rede sein. Wir müssen heute beides pflegen: ein religiöses Leben, in welchem nach Erkenntnis gerungen wird, so auch gelehrt wird, aber im Sinne einer Geburtshilfe für die Freiheit der Erkenntnis – und es muss der Tempel gebaut werden. Es muss die ausgesparte Zone des Heiligtums da sein.

Das religiöse Leben hat in unserer Zeit auch einen gewissen revolutionären Auftrag nicht als ob es sich aggressiv gebärden sollte, aber es ist notwendig in der Menschheit, damit bestimmte Gefahren abgewehrt werden. Der Atheismus ist heute dabei, den Siegeszug anzutreten in der ganzen Menschheit. Wie kann man den Atheismus bekämpfen? Mit dialektischen Mitteln beweisen zu wollen, dass diese oder jene Lehre wahr ist, hat keinen Sinn. Religiöse Diskussionen kann man sich durch Weg schenken. Kann man den Atheismus mit politischen Mitteln bekämpfen? Das kann man erst recht nicht, und es sind die bedenklichsten Dinge, wenn die Zugehörigkeit zu einer Konfession politisch ausgewertet werden soll. Das ist sogar das Schlimmste, was über die Christenheit gekommen ist. Nur mit religiösen Mitteln kann man den Atheismus bekämpfen. Es müssen gute Geister hervorgerufen werden, es muss ein religiöses Leben da sein, dass nicht bloß unter Menschen stattfindet, die Gegenwart Gottes muss herbeigeführt werden. Das kann man nicht erzwingen. Aber wenn eine Menschengemeinschaft mit frommen aufgeschlossenen Herzen beisammen ist, erfüllt sich die Verheißung: „wo zwei oder drei versammelt sind in meinem Namen, da bin ich mitten unter ihnen.“ Die Gegenwart Gottes herbeizuführen ist der Sinn des gemeinsamen religiösen Lebens.

Wiederaufbau der Moral— Von der Magie des Guten

Allein von hier aus wird auch das Moralische wieder seinen Auftrieb bekommen. Dass wir heute einen solch erschreckenden moralischen Verfall zu beobachten haben, ist ja nur ein weiteres Zeichen dafür, dass wir an den Nullpunkt der Frömmigkeit herangekommen sind. Denn man kann Moral nicht predigen, man kann nur die Frömmigkeit pflegen. Dann wird aus der Religion das Moralische wieder geboren. Man denke einmal an die Korruptions- und Bestechungsaffären der jüngsten Gegenwart. Diese Ereignisse müssten eigentlich mit einem allgemeinen Augenaufgehen von Seiten aller Einsichtigen beantwortet werden. Ein Anzeichen (Warnung) müsste es uns sein, dass man im Grunde heute gar nichts anderes erwarten kann. Denn man hat es überall mit moralischen Unerfreulichkeiten zu tun. Auch das politische Parteiwesen, wie wir es in Deutschland heute wieder haben, gehört zu den moralischen Entartungen. So hätte es nie werden dürfen, dass man sich gegenseitig in dieser Weise bekämpft. Die Andern sind doch auch Mitglieder des deutschen Volkes, desselben großen, vielgeprüften Schicksalszusammenhanges.

Sorgen macht Vielen die Kriminalität, die sich in der jungen Generation zeigt. Bedenken wir dabei einmal ganz ernsthaft Folgendes: Die jungen Menschen bringen vieles mit aus der Welt vor der Geburt. Was sie da mitbringen, wollen sie ausleben. Es könnte alles dies auch in einer echten menschlichen Weise ausgelebt werden, aber dazu müssen die jungen Menschen in Zukunft wieder Erwachsenen begegnen können, die zu beten verstehen. Vielleicht nicht in dem Stil der früheren Zeit, vielmehr auf eine moderne Art, so dass es nicht die Abwehr der Jugend hervorruft. Aber wenn die junge Generation in der Erwachsenenwelt keine Frömmigkeit antrifft, weiß sie mit dem, was sie an Vorgeburtlichem mitbringt, nichts anfangen und schlägt die Fensterscheiben ein. Das hat mit Kriminalität zunächst nicht viel zu tun. Wenn Blut fließt und Menschenleben verloren gehen, so ist das tief bedauerlich, aber die Schuld haben nicht die jungen Menschen, die wahre Ursache liegt in dem Tod der Religion über die ganze Umwelt hin. Es gibt in Zukunft keine Hilfe, moralisch zu sein wenn es nicht wieder Frömmigkeit gibt.

Was ist leichter Gott zu leben oder die Menschen? Man wird zunächst antworten: die Menschen zu lieben ist da uns diese näher sind, natürlich leichter. Aber das ist nicht so. Gott zu lieben ist der Kern der eigentlichen Lebenskunst. Ein frommes Gottesdienstleben, erst recht ein frommes regelmäßiges Gebetsleben aus einer Liebe zum Göttlichen, führt dazu dass man dann auch die Menschen liebt. Liebe zu Gott ist der Weg zum Mitmenschen. Und wenn heute die Menschenliebe Schaden leidet, ist es wieder nichts anderes als ein Zeichen für den Nullpunkt in der religiösen Entwicklung, und es wird noch viel schlimmer werden. Die Liebe in der Menschheit wird noch viel seltsamer werden, wenn es nicht zu einer religiösen Erneuerung, d.h. zu einer wirklichen Anpflanzung und Pflege des modernen religiösen Lebens kommt.

Kommunion

Das zentrale, der Himmel desjenigen Sakramente des, indem Brot und Wein als Kommunion ausgeteilt werden, ist das Wandlungswunder. Erstens wird eine Gruppe von Menschen, die versammelt ist verwandelt in eine Gemeinde, die nicht nur eine Summe von Menschen ist, sondern ein Leib und eine Seele. Und dann wird Brot und Wein zum Leib Christi. Natürlich darf dies nicht im materialistischen Sinne aufgefasst werden, dass wirklich Fleisch Blut auf dem Altar vorhanden seien. Zu Brot und Wein, die sichtbar sind, tritt hinzu, sie durchdringend, die geistige Leiblichkeit und das geistige Blut der Christuswesenheit. Es erfüllt sich das irdische Element mit dem himmlisch-göttlichen, dass darin aufleuchtet. Wenn die Menschen wieder sehen können werden sie das was in Brot und Wein geschieht, wahrnehmen sie werden wahrnehmen, wie das Licht auf glänzt in den Elementen. Das gesamte sakramentale Leben hat gerade in seinem Mittelpunkt, in der Menschen-Weihehandlung eine Kraft zu entfalten, die als magische Kraft des Guten bezeichnet werden kann.

Auf dieser Grundlage kann man die Hoffnung hegen, dass es die Menschen wieder zu einem religiösen Leben bringen, und dass sie wieder beten lernen. Ungezählte Menschen, die fromm sein möchten, antworten, wenn man sie trägt ob sie beten: ich kann nicht. Die Fähigkeit zum beten geht immer mehr verloren oder ist schon verloren gegangen. Und das ist nicht wunderlich. Es können die meisten Menschen nicht einfach für sich allein und aus sich selbst heraus die Kunst des Gebetes lernen. Das kultische gibt den Nähr-und Mutterboden auf dem das Gebet, die Blüte des Seelenlebens wieder wachsen und gedeihen kann. Ohne dass erst einmal diese Zone geschaffen wird, in die der Mensch eintauchen kann ohne dass dieser Bereich gestiftet wird, wo das wahre höhere selbst sich mit dem höheren ich der anderen Menschen verbinden kann, d.h. ehe der heutige Mensch nicht die kultische Frömmigkeit lernt, lernt er eigentlich auch das beten nicht lassen Sie mich vor allem drei Winkel geben.

Hinwendung zum Gebet

Beten lernen wird der moderne Mensch aus dem Hören, nicht aus dem Sprechen. Man sollte empfinden, dass ein Gebet, bei welchem man sich der Gottheit gegenüberstellt, wie ein Gespräch ist mit einem Wesen; aber mit einem Wesen das uns hoch überragt. Und wie es unter Menschen ist: wenn

man mit einem anderen spricht, der über einem steht, gebührt es sich, dass man ihm das erste Wort überlässt. Das ist auch wichtig für das Beten,

das neu gelernt werden soll. Wir müssen Gott das erste Wort überlassen. Das Wesentliche im Beten liegt nicht darin, dass man selbst spricht, sondern darin, dass man lauschen lernt auf das, was Gott zu einem sagen wird. Man hat nicht nötig, viel zu sagen, um Gott etwas mitzuteilen. Die Welten, die wir im Gebet berühren, sind diejenigen, die sowieso in alles hineinschauen, was uns betrifft. So stille werden, dass auch die leise, aus einer anderen Welt herüberwehende Sprache der Gottheit von der Seele vernommen wird, das ist der Anfang des Gebets, das Stille-Werden, das Ergriffen-Sein, die Empfänglichkeit. Dann entsteht das, was die Menschheit einzig noch brauchen kann, Religion von oben, nicht immer die Religion von unten her, die der Mensch von der Erde her an den Himmel heran-trägt. Das muss er schon auch manchmal tun, aber das Wesentliche ist, dass das von oben Kommende zu ihm herein kann, wenn er sich der höheren Welt gegenüberstellt. Zweitens lernen wir beten nicht aus dem Bitten, sondern aus dem Danken. Das Bittgebet hat in alten Zeiten, als die Menschen noch Kinder waren, schon eine Rolle gespielt. Für den modernen Menschen wird zunächst das Bittgebet nicht recht möglich sein, denn es dürfen nicht einfach die Eigenwünsche der Person an die Gottheit herangetragen werden. Das wird man sich gar nicht mehr gestatten, sobald man einmal ein Feingefühl für diese Vorgänge entwickelt. Denn was für mich notwendig ist, wird von der oberen Welt deutlich gesehen; da brauche ich nichts weiter zusagen. Was ich möchte, ist nicht ausschlaggebend für die göttliche Welt. Aber wenn ich danke, ist das etwas, worauf die höhere Welt geradezu wartet, worauf sie einen Anspruch hat. Und dann kann ich im Echo meines Dankens auch wieder hören, was dann die obere Welt zu mir spricht. Da ist das einfachste Beispiel das Tischgebet. Ob ich nun einen Spruch spreche, der ausdrücklich dankt, oder einen Spruch, der das nicht so ausdrücklich tut, das Wesentliche des Tischgebetes ist der Dank.

Und dann das Dritte. Man möge doch das Beten, wenn man wirklich innerlich danach strebt, es wieder zu lernen, so schlicht wie möglich nehmen. Da ist wieder der Anschluss an das Tischgebet naheliegend. Das Schönste bei Tisch ist doch, wie es eigentlich sein sollte, wenn der jüngste Teilnehmer der Tafelrunde, ein Kind, das Gebet spricht. Ich habe noch nie gefunden, dass ein Kind sagt: Ich kann nicht beten. Und das Kind spricht, wenn es einigermaßen darin die ermunternden Vorbilder in der Umgebung hat, gerne das Tischgebet. Es ist eine Freude zu sehen, wie ein Kind betet. Es spricht das Gebet ganz einfach. Es hat noch gar nicht die Möglichkeit, so feierliche Akzente zu setzen, wie es die Erwachsenen leicht tun.

Man kann nicht schlicht genug einen Gebetstext sprechen. Wenn Erwachsene ein persönliches Gebetsleben pflegen wollen, kann es so versucht werden, dass sie einfach einen Spruch sprechen. Leichter, als man es sich vorstellt, mag das zu einem Bestandteil des Lebens, zu einer schlichten täglichen Sitte werden. Wer glaubt, es sich zunächst ganz leicht machen zu müssen, kann zu bestimmten Stunden des Tages anfangen, Verse und Gedichte mit Gebetscharakter zu sprechen, mit denen er sich besonders verbünden hat, etwa Verse von Goethe, Novalis, Morgenstern. Wenn man sie regelmäßig und treu spricht, aber nicht um zu sehen, ob man sie auswendig sagen kann, sondern um zu sehen, ob sie sich, wie ein Pflanzengebilde am Morgen, mit dem Tau des Himmels füllen, wird man erleben, dass man dadurch verwandelt wird, wenn man treu dabei bleibt; dass man etwas lockerer wird, dass man etwas von dem Knochenhaften, das man in der Seele hat, nicht mehr so arg spürt. Und wenn man es sich noch einfacher machen will, nehme man einen Vers aus dem Gesangbuch, den man aus früheren Tagen kennt, etwa eine Strophe aus dem Lied von Gerhard

Tersteegen:

Wie die zarten Blüten

Willig sich entfalten

Und der Sonne stillehalten,

Laß mich so

Still und froh

Deine Strahlen fassen

Und Dich wirken lassen.

Bei diesen Worten dürfte niemand mehr sagen: ich kann nicht beten. Es ist gar nicht so wichtig, was man nimmt, wenn man nur einmal erst beginnt. So kann aus dem Allereinfachsten heraus eine Pflege der Frömmigkeit unternommen werden. Ja in kürzester Zeit kann das viel bedeuten. Ich will hier nur wieder das Naheliegendste sagen.

Wer als Lehrer oder Lehrerin vor einer Klasse von Kindern stehen muss und ein Morgengebet spricht, bevor er sich auf den Weg zur Schule begibt, wird sehen: nachher ist alles anders. Und wenn viele Lehrer und Lehrerinnen heute schon über ihre Nervosität, über leichte Ermüdbarkeit zu klagen haben, hat das vielfach seinen Grund darin, dass sie sich gleich, wenn der Wecker läutet, in einer Hetze für die Schule rüsten und dann hinwegstürzen, um beim Klingelzeichen der Schule gerade noch zurecht zu kommen. Es gehört zum richtigen Berufsethos des Lehrers, dass derjenige, der als Erzieher vor seine Klasse hinzutreten hat, vorher sein Morgengebet verrichtet. Auf welche Weise er dieses tut, bleibe ihm überlassen. Und wenn es sich um jemanden handelt, der den Tag über an der Schreibmaschine oder einer anderen Maschine zu arbeiten hat, er kann sicher sein, dass er weniger Schädigungen von seinem Umgang mit dem Technischen davonträgt, wenn er einigermaßen innerlich ausgerüstet sich auf den Weg macht. Und wenn jemand, der mit der Maschine zu tun hat in seinem Beruf, nicht betet, ja dann muss er sich wiederum nicht wundern, wenn allzu früh die bekannten Krankheitserscheinungen auftreten. Das Morgengebet besteht darin, dass man um den Segen bittet für das, was man im hellen Tageslicht vollbringen will, und niemand sollte es künftig so machen, wie es in der Regel geschieht, dass er ungesegnet an seine Arbeit geht. Das Abendgebet ist leichter einzurichten, weil die Zeit nicht drängt und keine Gefahr ist, zu spät zu kommen. Der Schlaf, die Nacht ist etwas ganz anderes für den, der abends sein Gebet gesprochen hat, als für den, der das nicht tut, der sich etwa sogar an das Schlafmittel halten muss. Man könnte auch sagen, jedes Einschlafen ist eine Vorübung für das In-den-Himmel-kommen oder Nicht-in-den-Himmel-kommen, denn wenn wir uns im Schlaf lösen von unserer Leiblichkeit, gehen wir zunächst den gleichen Weg, den wir auch gehen, wenn wir sterben. Die Welt, in der wir im Schlafe weilen, ist die Welt, von der wir einen neuen Lebensantrieb mitbringen sollen. Wir werden einen neuen Lebensantrieb nur mitbringen, wenn wir am Abend auf geordnete Weise eingeschlafen sind, und das ist nur möglich, wenn wir betend hinübergehen.

In der Christengemeinschaft gibt es viele Möglichkeiten, diesem oder jenem etwas zu raten. Wir haben aber etwas, was generell für jeden nützlich ist. Es gibt zwei Texte, die auch in unserem kultischen Leben an bedeutsamer Stelle vorkommen, die so verwendet werden können, dass das eine als Morgengebet, das andere als Abendgebet gesprochen wird. Das erste ist das neue Bekenntnis, das wir an Stelle der früheren Glaubensbekenntnisse haben. Wir kennen in der Christengemeinschaft keine Glaubensverpflichtung. In der Christengemeinschaft gibt es keinerlei Glaubensbekenntnis, auf das sich jemand verpflichten müsste. Wir haben aber die Sätze, die in den früheren Glaubensbekenntnissen formuliert waren, so, daß der heutige Mensch an ihnen lernen kann, über die christlichen Grundfragen nachzudenken. In der Menschenweihehandlung wird dieser Text am Altar gesprochen. Wir hören die Sätze von Christi Herabkunft, Tod, Auferstehung, Himmelfahrt und vom heiligen Geist. Und wenn wir diese als Morgengebet benützen, so hören wir die Sätze so, wie sie in unserer Menschenweihehandlung gesprochen werden. Das regelmäßige treue Hören dieser Sätze bringt uns nicht etwa dazu, eine gewisse Glaubensverpflichtung zu fühlen, sie bringt uns dazu, diese Dinge immer besser verstehen und tiefer durchdenken zu können, so daß sie uns schließlich einleuchten, dass sie sich mit uns verbinden. Und diese Texte als Morgengebet zu benützen, könnte so etwas wie ein höheres Licht in die Angelegenheiten des Tages hineingießen, könnte eine Segnung des wachen Denkens für den ganzen Tag sein.

Vaterunser

Das andere ist das Vaterunser. Es ist eben doch d a s Gebet. Wenn es entsprechend als Abendgebet benützt wird — es kann aber natürlich immer benützt werden —, ist es eine Segnung unseres Willens. Gerade wenn wir recht beten lernen „Dein Wille geschehe“, wird der menschliche Wille erst wirklich frei, er wird stark und hört auf, selbstisch zu sein. Wenn das Vaterunser so recht das Abendgebet wird, schließt es uns die Schatzkammer des Schlafes auf. Nun wollen wir einen Ausblick auf die Weitereentwicklung eines möglichen Beten-könnens tun. Man kann im Verfolg das Geheimnis lernen, das in der Bibel mit den Worten ausgedrückt wird „Beten in Christi Namen“. Was ist das? Das bedeutet, dass man sprechen könnte: Ich bete nicht, sondern Christus betet in mir. Das wird möglich, wenn man die Geheimnisse des Christentums, von denen ich heute abend mit Absicht nicht gesprochen habe, wieder kennenlernt. Christus ist die schöpferische Macht des Weltalls, der Sohn, der Logos, durch den der Vater die Welt erschaffen hat. Ein Gebet in Christi Namen würde bedeuten, dass ich beim Vollzug meines Betens eine schöpferische Kraft in meine Seele hereinlasse. Und das ist eigentlich der Sinn des Gebetes, innere Aktivität, innere Tätigkeit zu entwickeln. Äußerlich muss jeder im Leben Aktivität entwickeln; und ein verbreiteter Irrtum besteht dann darin, dass man meint, man gleiche das Arbeiten durch das Nichtstun aus. Man kann die Bemühungen, die man in der äußeren Aktivität entfaltet, nicht ausgleichen durch bloßes Nichtstun, sondern nur durch inneres Tätigsein. Wer äußerlich sehr viel tun muss, soll auch sehr viel innerlich arbeiten. Und das Gebet muss, wenn es in „Christi Namen“ geschieht, innere Aktivität sein, und zwar eine solche, durch die der Betende diejenige Kraft in sich wirken lässt, die das Schöpfertum des Weltalls in sich trägt und den Tod überwunden hat, d. h. die Macht der Auferstehung. So wächst man in das christliche Gebet hinein, das Gleichgewicht zu allen äußeren Aktivitäten haltend durch eine aktive Art des Betens.

WERKE VON LIC. EMIL BOCK Beiträge zur Geistesgeschichte der Menschheit

1. Reihe: Das Alte Testament und die Geistesgeschichte der Menschheit

I Urgeschichte. 1934. 11.—13. Tausend 1958

II Moses und sein Zeitalter. 1935. 8.—11. Tausend 1952 III Könige un d Prophete n. 1936. 7.—10. Tausend 1953

2. Reibe: Urchristentum

I Cesare und Apostel. 1937. 10.—13. Tausend 1958.

II Kindheit und Jugend je so. 1939. 14.—17. Tausend 1956

III Die 3 Jahre. 1948. 10.—13. Tausend 1957

IV Paulus. 1954. 6.—9. Tausend 1956.

Apokalypse. Betrachtungen über die Offenbarung des Johannes. 1951.

6.—9. Tausend 1952.

Wiederholte Erdenleben. Die Wiederverkörperungsidee in der deutsdien

Geistesgeschichte. 1932. 7.—12. Tausend 1952

Boten des Geistes s. Schwäbische Geistesgeschichte und christliche Zukunft.

1929. 7.—11. Tausend 1955

Zeitgenossen/Weggenossen/Wegbereiter. 1959

Was will die Christengemeinschaft? 1960

Im Michaels Zeitalter 1948. Vergriffen.

Die neue Reformation 1953

Reisetagebücher Italien, Griedienland, Palästina. 1949. 6.—9. Tausend 1960.

Die Katakomben Bilder von den Mysterien des Urchristentums. Gemeinsam mit Lic. Robert Goebel. 1930. Zur Zeit vergriffen.

Romanische Baukunst und Plastiken in Baden-Württemberg

332 Abbildungen auf etwa 250 großformatigen Kunstdrucktafeln. 1958. Zweite Auflage 1960.

Das Zeitalter der romanischen Kunst mit besonderer Berücksichtigung der württembergischen Denkmäler. 1958.

Das Evangelium. Betrachtungen und Übersetzungen. Neubearbeitete Ausgaben. Vier Bände im Vervielfältigungsverfahren : Band 1 und 2 Betrachtungen, Band 3 und 4 Übersetzung des ganzen Neuen Testamentes. Mittelpunkt ist dann nicht bloß der Mensch, sondern da ist Christus. Christus ist die Mitte eines jeden wirklichen Menschen. Ich habe über das sakramentale Leben und das Gebet gesprochen in dem Sinne, dass es heute eine dringende Zeitnotwendigkeit ist, dass dem Sterben, dem Tod der Frömmigkeit eine aufsteigende Religion, eine in Bescheidenheit neu angepflanzte Frömmigkeit entgegengestellt wird. Wenn die Menschheit nicht wieder zur Religion vordringt, ist sie verloren. Es kommt nicht darauf an, welches Bekenntnis der einzelne Mensch wählt. Man wird heute an die Geheimnisse des Christentums selber herangeführt, wenn man ehrlich ist. Aber es ist die Rettung der Menschheit wenn, gewissermaßen aus einer großen menschheitlichen Umkehr, eine neue Kultur des sakramentalen Lebens und des Gebets entsteht, so dass nicht der Weg, der nach unten führt, weiter beschritten wird. Wir wollen alle, jeder zu seinem Teil, dazu beitragen, den Weg der Menschheit wieder nach oben zu kehren. Wenn das Menschen versuchen wollen, auch solche, die zunächst gar nicht die Absicht haben, sich einer religiösen Gemeinschaft anzuschließen, es würde ein großer Segen aus solchen Versuchen hervorgehen.